Ilse Franke: Rethra


Ilse Franke: Rethra

Im Liepssee ist Rethra versunken, das Gott gelästert hat.
Da sind von der Tiefe gerichtet Menschen, Vieh und Stadt.
Es schimmert an klaren Tagen dort manches Daches Knauf.
Da klingen aus gläserner Tiefe die toten Glocken herauf.

Alljährlich auf Sankt Johannis, um die brütende Mittagsstund‘,
Zu Lande steigen drei Glocken in blumigen Wiesengrund.
Da kam ein Mädchen aus Prillwitz und wusch sein Tuch im See,
Und sah die drei Glocken wie Steine, grau wie Märzenschnee.

Sie spannt ihr Tuch darüber, daß die Sonn‘ es trocknen sollt‘.
Zwei Glocken halten stille, die dritt‘ ins Wasser rollt.
Und höhnend klingts aus der Tiefe, das Wasser kocht und braust.
Das Mädchen läuft gen Prillwitz und betet, weil ihm graust.

Die Prillwitzer kommen mit Stangen und tragen Speer und Wehr.
Der Zauber ist gebrochen. Die Glocken wandern nicht mehr.
Die Neubrandenburger spannen ihre stärksten Pferde an.
Das Land ob der Scheide ist ihrer, sie wollen die Glocken han.

Die Neubrandenburger Gäule schaffen die Glocken nicht fort.
Um keines Haares Breite weicht der Karren vom Ort.
Da hebt sie der Prillwitzer Bauer mit einem Ochsen am Pflug.
Da sind sie leicht wie Federn. Das ist ein Siegeszug.

Nun sagen die Glocken zu Prillwitz redlich Zeit und Stund‘.
Tod und Leben und Feuer kündet ihr eherner Mund.
Die Glocke von Rethra im Liepssee stimmt wohl leise ein,
Und auf den Dächern von Rethra spiegelt sich Sternenschein.

Franke, Ilse: Von beiden Ufern, Neue Gedichte von Ilse Franke, Dreililien-Verlag, Karlsruhe und Leipzig 1911 S. 22-23

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