Richard Wossidlo: Über die Erforschung der Rethrasagen


Richard Wossidlo: Über die Erforschung der Rethrasagen (PDF) [1]

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Das Rethra-Problem, das seit 1768, d.h. seit dem bekannten Streit über die Echtheit der sogenannten Prilwitzer Idole die mecklenburgische Altertumsforschung auf das lebhafteste beschäftigt hat, d.h. die Frage, wo wir das Nationalheiligtum der Mecklenburger Wenden, die Orakelstätte des Liutizengottes Radegast-Zuarasici zu suchen haben, ist neuerdings wieder in den Vordergrund des Interesses gerückt worden durch die Grabungen, welche mit Hilfe der von der Virchow-Stiftung bewilligten Mittel die von der Berliner Anthropologischen Gesellschaft eingesetzte Rethra-Kommission unter der unermüdlichen und in höchstem Maße sachkundigen und sorgfältigen Leitung des Ingenieurs Oesten aus Berlin seit vier Jahren an und in den beiden bei Neubrandenburg gelegenen Sees, der Tollense und der Lieps, vornehmen läßt.[2]

Die Lösung des Problems nun war bisher stets entweder auf historisch-kritischem Wege, d.h. durch eine eindringende Würdigung der beiden Berichte, die uns Thietmar von Merseburg und Adam von Bremen hinterlassen haben (auf die Schwierigkeiten, welche die Vergleichung der beiden Berichte bietet, kann ich hier nicht eingehen), oder auf rein archäologischem Wege versucht worden. Der Wert von Flurnamen und Volkssagen war nicht erkannt. Auch der Leiter der jetzigen Grabungen glaubte anfangs dieser Hilfsmittel entraten zu können.

Mir waren schon zu Anfang der neunziger Jahre in Waren bei Leuten, die aus der Neubrandenburger Gegend stammten, Sagen über Rethra begegnet. Die Erklärung eines Gelehrten, dem ich sie vorlegte, solche Sagen seien zweifellos jungen Ursprungs und erst durch die wiederholten Grabungen der Neubrandenburger Forscher entstanden, hat mich leider damals von weiteren Nachforschungen zurückgehalten. Als dann im Mai 1906 der zweite Bericht Oestens erschien, der mir den Eindruck weckte, daß man auf dem Wege zum Ziele sei, d.h. daß Rethra bei Neubrandenburg zu suchen sei (nicht weniger als 15 Orte waren schon für Rethra in Anspruch genommen, Oesten selbst hatte zuerst bei Feldberg gegraben), da schien es mir erwünscht, an Ort und Stelle weiter nachzuforschen und festzustellen, ob nicht doch jene früher gefundenen Sagen auf alter Überlieferung beruhten.

Ein kurzer Vorstoß im Juni 1906 ergab eine überraschend reiche Ausbeute, darunter eine Sage von der Vergrabung des goldenen Gottes der Wenden im „Blankenburger Teich“ bei Prilwitz, deren Mitteilung an die Rethra-Kommission zur Folge hatte, daß diese, ohne weitere Sagenfunde abzuwarten, lediglich auf Grund dieser Sage an die Ausgrabung des Teiches heranging, die auch jetzt wieder fortgeführt werden soll.[3] Schon die Mannigfaltigkeit dieser ersten Ausbeute aber hatte mir gezeigt, daß hier nur planmäßige Arbeit zum Ziele führen könne. Ich stellte daher die Sammelarbeit vorläufig ein, um mich besser rüsten zu können.

Durch eine eingehende Prüfung der älteren Geschichtswerke, der umfangreichen Idolliteratur und der Berichte über die früheren Grabungen suchte ich zunächst Klarheit zu gewinnen, ob und inwieweit die heute umlaufenden Volkssagen auf gelehrtem Wege ins Volk gedrungen sein könnten. Die ganze ältere Literatur gab fast gar keine Ausbeute. Latomus-Steinmetz, um 1600 Rektor in Neubrandenburg, der zuerst Rethra bei Prilwitz sucht, sagt nichts von lebender Überlieferung. Im Idolstreit wird der Volkssage nur in ganz unbestimmten Wendungen Erwähnung getan, obwohl es doch nahe genug gelegen hätte, der dunklen Fundgeschichte der Idole und den Grundlagen der Schatzgräberei des Gideon Sponholtz nachzugehen.Boll hat nur zwei belanglose Sagen über den Bacherswall.

Erst Niederhöffer (1857) bringt mehrere größere Sagen über Rethra, die dann im Auszuge in das Werk von Bartsch, der Eigenes nicht hinzufügt (für das Strelitzer Land fehlten ihm die Sammler fast ganz), in die vielgelesenen Chroniken von Penzlin und Prilwitz, in Lesebücher und Zeitungen übergingen. Zwei dieser Niederhöfferschen Sagen sind echt, wenn auch aufgeputzt, die dritte ist ein willkührliches, aus mehreren echten Bruchstücken zusammengestelltes und mit fremden Zutaten geschmücktes Machwerk: von Heinrich dem Löwen und einem König von Rethra weiß die echte Volkssage nichts.

Daß aus diesen Quellen die von mir bis dahin gefundenen Sagen nicht stammen könnten, war mir klar. So mußte ich zunächst an der Annahme festhalten, die sich mir von vornherein bei der Lebendigkeit der Einzelzüge aufgedrängt hatte, daß die lebende Überlieferung des Volkes in die Wendenzeit zurückreiche. Das ließ weitere erhebliche Ausbeute erhoffen. Daß sich Sagen sogar aus vorslavischer Zeit im Mecklenburger Volke erhalten haben, hatte ja schon früher der die Volkssage bestätigende Fund des Peckateler Bronzewagens gezeigt.

Ich suchte dann weiter mit der Flurnamenforschung vertraut zu werden und in den „Irrgarten der slavischen Mythologie“ einzudringen. Sammelfahrten endlich in die Umgebung anderer wendischer Kultstätten, so der Burgwälle am Plauer See, bei Krakow und am Malchiner See, gaben mir von dem Charakter heimischer Burgwallsagen ein besseres Bild, als ich es aus Bartsch und den von meinen Mitarbeitern und mir selbst früher gesammelten Sagen gewinnen konnte.

Im Frühling 1907 ging ich dann in der Tollense-Gegend selbst an die Sammelarbeit heran. Das Aufnehmen der Flurnamen erwies sich als ein vorzügliches Mittel, um in der ganzen Gegend heimisch zu werden und die Leute zu unbefangenen Mitteilungen anzuregen. Ich habe dann bis heute[4] 59 Dörfer der Gegend Penzlin – Neustrelitz – Stargard – Neubrandenburg, zum Teil von Haus zu Haus, abgesucht und eine Fülle von Sagen gefunden, wie sie wohl bei keiner anderen historisch bedeutsamen Stätte bisher aufgedeckt worden ist. Unbeeinflußt durch die Berichte Thietmars und Adams und die Ergebnisse der bisherigen Grabungen hab ich nach Kräften versucht, immer nur den Tatbestand aufzunehmen, niemals etwas in die Leute hineinzufragen, die krausen, sich vielfach direkt widersprechenden Berichte in allen Einzelzügen festzuhalten, und immer wieder die Glaubwürdigkeit des Gewährsmannes zu prüfen und festzustellen, aus welchen Quellen er schöpfte. Vor absichtlichen Täuschungen glaube ich durch vierundzwanzigjährige Sammlererfahrung geschützt zu sein. Aus Zeitungsberichten und den Mitteilungen der Oestenschen Arbeiter geschöpfte Angaben abzuwehren, bedarf es meist nur weniger Worte. Wirklich sagenkundige Leute merken, wenn man ihnen in rechter Weise naht, sofort, worauf es ankommt.

Manche Sagen sind auf zwei und drei Dörfer beschränkt. Die Landesgrenze (seit 1701) und eine Sprachscheide gehen mitten durch das Sagengebiet hindurch. Am reichsten sind die Dörfer, die unmittelbar an der Lieps liegen. In der weiteren Umgebung verblaßt die Sage merkwürdig schnell. Nur die Glockensage geht in einem Umkreis von etwa drei bis vier Meilen ins Land hinein. Aber Leute, die aus jenen Dörfern stammen oder dort einen Teil ihres Lebens verbracht haben, sind natürlich weithin zerstreut: so ist des Suchens kein Ende. Ich habe mir eine, demnächst durch die Kirchenbücher zu vervollständigende Liste aller Familien angelegt, die vor 50 und 100 Jahren in jenen Dörfern ansässig waren, und suche festzustellen, ob und wo noch Nachkommen solcher längst verstorbenen Leute leben, die mir von betagten Gewährsmännern als besonders sagenkundig bezeichnet worden sind. Manche der heute umlaufenden Sagen sind nach sich gegenseitig stützenden Angaben zuverlässiger Gewährsmänner in die dritte und vierte Generation hinauf zu setzen, stammen also aus einer Zeit, wo von einer Rethrafrage überall noch keine Rede war. Es stellt sich heraus, daß bis in den Anfang des neunzehnten Jahrhunderts hinein das Bild von der Wunderstadt und ihren vergrabenen Schätzen den Leuten noch völlig vertraut gewesen ist.

Die ganze Gegend zeichnet sich durch starke Ansässigkeit der Bevölkerung aus, wie denn schon das Zusammenfallen vieler Familiennamen mit Ortsnamen davon zeugt, wie fest die Bevölkerung mit dem Boden verwachsen ist. Fremde Schnitter sind noch heute in einzelnen Dörfern eine unbekannte Erscheinung. Es kommen andere Umstände hinzu, welche die ungewöhnliche Zähigkeit und Lebendigkeit der Überlieferung erklären. Die Schilderungen von Masch lehren, daß die ganze Umgebung der Lieps noch vor 140 Jahren ein erheblich anderes Aussehen hatte, daß zahllose Grab- und Befestigungsanlagen von der alten Zeit zeugten, die seitdem zerstört worden sind: der Bau der Chaussee, die von Neubrandenburg nach Neustrelitz führt und nahe an der Lieps vorbeigeht, hat große Verwüstungen angerichtet. Aber auch die weitere Umgebung, die so reich ist an Resten von Burgen, Schlössern und Klöstern wie keine andere Gegend Mecklenburgs (hier hat unser großer Landsmann Schliemann die glühende Liebe zur Wiedererweckung vergangener Herrlichkeit in sich aufgenommen) hielt die schaffende Phantasie des Volkes rege. Auch die durch Oestens Grabungen teilweise schon bestätigten Berichte der Fischer und Steinfahrer über Reste alter Dammanlagen in der Lieps gaben der Überlieferung immer wieder neue Nahrung.

Es ist in hohem Grade beachtenswert, wie sehr hier die Sagen z.B. von der wilden Jagd, vom Mart, vom Drak, von Werwölfen und andere Sagenkreise, die sonst fast überall in Mecklenburg einen breiten Raum einnehmen, zurücktreten. Aber von Raubrittern, von Burgen und Schätzen wird nirgends so viel erzählt wie hier. Und das große Sammelbecken ist immer wieder der Sagenkreis von Rethra. Erst ein genauer Einblick in das ganze Sagennetz einer Gegend gibt sichere Grundlagen für das Urteil über Alter und Bedeutung der einzelnen Sagenzüge.

Freilich je mehr von dieser Sagenmasse ans Licht kommt, desto schwerer wird es, das dichte Gewebe zu entwirren: die Fäden schlingen sich hinüber und herüber. An Überraschungen wird man gewöhnt. Fast jeder neue Fund beleuchtet einen früheren. Kleine unbedeutende Züge gewinnen plötzlich Wert. Und der scheinbare Gegensatz mancher Sagen löst sich auf, sobald man davon absieht, die Richtigkeit aller Angaben an Thietmars Bericht zu messen, der doch nur nach Hörensagen schildert und im wesentlichen nur den einen Tempel im Auge hat. Aber auch an allerlei seltsamem Rankwerk, an Anachronismen, volksetymologischen Deutungen usw. fehlt es wie bei jedem größeren Sagenkreise nicht. Prill z.B., der angebliche Erbauer von Prilwitz, wird mit Till, d.h. Tilly, dem Eroberer Neubrandenburgs, zusammengeworfen u.a.m. Ich werde später alle solche Entgleisungen sorgfältig buchen, sie gehören mit zum Bilde; daß sie den Wert der Hauptmasse nicht im mindesten in Frage stellen können, ist selbstverständlich. Und noch eins sei betont: die Möglichkeit, daß Einzelzüge auf gelehrtem Wege sich in die Volkssage eingeschlichen haben, muß natürlich stets im Auge behalten werden. Die Frage endlich, ob besonders altertümliche Sagen in die vorslavisch-germanische Zeit zurückreichen, ist sehr schwer zu entscheiden; darauf kann ich hier nicht näher eingehen. Daß die ganze Gegend schon in vorslavischer Zeit stark besiedelt gewesen ist, lehren noch heute vorhandene Grabanlagen und prähistorische Funde mannigfacher Art.

Nach diesen allgemeinen Bemerkungen gehe ich dazu über, von dem Inhalt der Sagen ein ungefähres Bild zu geben. Ich kann hier nicht vollständige Sagen mitteilen; ich fasse nur kurz die bisherigen Ergebnisse zusammen, die natürlich durch neue Funde noch wesentlich erweitert und berichtigt werden können.

Da hier eine Karte des Sagengebietes nicht beigegeben werden kann, so nenne ich kurz die wichtigsten Namen: Ortschaften am Tollenseufer westlich von Neubrandenburg: Broda, Meiershof, Rehse, Wustrow; östlich von Neubrandenburg: Klein-Nemerow. In der Tollense bei Wustrow: die Fischerinsel. Ortschaften am Liepsufer: westlich Zipplow, Prilwitz (dahinter Hohenzieritz usw.); an dem Südufer: Eliasbach, Pferdeberg und Blankenburgsteich (dahinter die Meierei Ehrenhof); am östlichen Ufer Usadel (dahinter der Zechow-Wald). Zwischen der Lieps und der Tollense (mit Verbindungsgräben) das Liepser Bruch, östlich davon Krickow. Im Liepssee die Inseln Kietzwerder (vor Prillwitz) und Hanfwerder (vor dem Liepser Bruch).

    1. Die Frage, die selbst nach den Erfolgen der jüngsten Grabungen manchem noch immer strittig erschien: ob denn überhaupt Rethra an dem Tollense- und Lieps-See zu suchen sei, wird durch die Volkssage endgültig entschieden. Es ist völlig undenkbar, daß die Gesamtheit der von mir gefundenen Sagen auf gelehrtem Wege ins Volk gedrungen sei. Nur die Annahme einer unausgesetzten mündlichen Überlieferung von der Wendenzeit her vermag den heutigen Besitz des Volkes zu erklären. In keiner anderen Gegend Mecklenburgs hat sich die Erinnerung an die Wenden (de Wennschen) so lebendig erhalten wie hier.
    2. Auch die heutigen und noch mehr die älteren Flurnamen reichen zum Teil auf wendische oder der wendischen unmittelbar folgende Zeiten zurück. Die Namen der Fischereizüge sind besonders bemerkenswert.
    3. Durch die Ergebnisse der früheren und der jetzigen Grabungen wird die Richtigkeit der echten Volkssage in manchen Punkten bestätigt, in keinem sicher widerlegt. Wie weit sie mit Thietmars und Adams Schilderungen in Übereinstimmung zu bringen ist, kann erst untersucht werden, wenn die Sammelarbeit abgeschlossen ist.
    4. Die Angaben hochbetagter Leute lassen erkennen, daß früher an dem Ufer der Lieps erhebliche Flächen mit Wald bedeckt waren, die heute beackert werden. So kommen wir dem Bilde jener silva ab incolis intacta et venerabilis magna, von der Thietmar redet, näher.
    5. Als Namen der Stadt treten in der Volkssage auf: Schöne Reda (Rede, Reta) o.ä., Margareta u.ä. und Niniveh. Reda findet sich schon in den annales Augustenses und später bei Fabricius (1597). Niniveh erinnert an das Niniveta (statt Vineta) des codex Puchenii von Helmold. Die heute in Gelehrtenkreisen übliche Form Rethra ist ebenso wie die Form Rethre, die sich bei Adam und Helmold findet, der unbeeinflußten Volksüberlieferung völlig fremd. Ein zuverlässiger Gewährsmann erklärte mit großer Bestimmtheit, die Stadt habe zwei Namen gehabt: den zweiten (außer Schöne Reda) hatte er vergessen.
    6. Von einer Zerstörung der Stadt durch Menschenhand weiß die Volkssage nichts; sie erklärt ihren Untergang durch eine Überflutung oder eine Überlastung des Bodens und bringt damit andere Veränderungen der Erdoberfläche in nahegelegenen Dörfern in Zusammenhang. Diese Annahme der Volkssage steht nicht im Widerspruch mit der geschichtlichen Überlieferung. Die in älteren Geschichtswerken sich vielfach findenden Angaben über eine dreifache Zerstörung beruhen auf falscher Kombination. Nur die Nachricht der annales Augustenses über den Zug des Bischofs Burchard von Halberstadt ist mit Sicherheit auf Rethra zu beziehen.
    7. Die Sagen über die Flucht der Wenden und die Bergung der Tempelschätze weichen stark von einander ab: hier kreuzen sich nahezu 20 verschiedene Nachrichten, die zum Teil wieder durch Schatzsagen der weiteren Umgebung bestätigt werden. So soll z.B. in einem der Mollenstorfer Grabhügel Maria mit dem Jesuskinde vergraben liegen. Die Flurnamen auf der Grenze von Mollenstorf und Zahren (Düwelswisch, Heiligtum u.a.) weisen auf alte Kultstätten hin.
    8. Eine aus guter Quelle stammende Sage bezeichnet ein Kultbild als ein silbernes Kalb, das an einem Balken befestigt gewesen sei.
    9. Was die Lage Rethras anlangt, so will die Mehrzahl der Sagen die Stadt auf den kleineren der beiden Seen, die „Lieps“ beschränkt wissen; andere suchen sie in der Tollense.
    10. Die „Fischerinsel“ in der Tollense bei Wustrow, auf der zuerst Beyer, dann Brückner (seit dem Brückenfunde bei Wustrow im Jahre 1887), zuletzt Oesten den Radegasttempel gesucht haben (Oesten hat eine starke Boden- und Uferbefestigung festgestellt), wird in einer Sage, die Kennzeichen hohen Alters an sich trägt, Wilenso genannt. Der Fischereizug an der Westseite der Insel führt noch heute, was Oesten wohl entgangen ist, den Namen „Wendshöken“ oder „Wendshöpen“.
    11. Die Sage, die Thietmar erwähnt, von dem aus dem See bei dem Tempel auftauchenden Eber, dessen Erscheinen als Vorzeichen eines Krieges gelte, hab ich bisher in der lebenden Überlieferung nicht wieder gefunden. Wohl aber bringt, was bisher nicht beachtet ist, soweit ich sehe, Müllenhoff eine ganz ähnliche Sage aus Flensburg: das scheint die neuerdings von Historikern verfochtene Annahme zu stützen, daß auch in Schleswig Slaven gewohnt haben. Auch in Pommern haben sich verwandte Sagen erhalten.
    12. Bedeutsam tritt das Festland von Wustrow hervor. In dem Gutsgarten liegt nach der Sage das goldene Kalb. Schon in einem Prozeß vom Jahre 1530, dessen Akten Beyer im Schweriner Archive fand, handelt es sich um Schatzgräbereien, die „hart am Torwege des Bauhofes von Wustrow“ vorgenommen worden sind: ein Umstand, der auf das Alter der Rethra-Schatzsagen ein helles Licht wirft.
    13. Auch das benachbarte Rehse und das ganze Tollenseufer bis Broda hin hat Überlieferungen, die zweifellos in wendische Zeit zurückreichen. Ein Ackerstück „bei der heiligen Eiche“ wird in einem Kirchenvisitierbuch von 1574 genannt: „Swenn’eek“ hieß noch vor kurzem eine jetzt verfallene alte Eiche. Beim nahen Meiershof zeigt sich nach der Volkssage ein Drache, der aus der Erde hervorkommt und wieder verschwindet: das klingt an eine unten zu erwähnende Sage von einer aus der Erde täglich hervorkommenden Wunderpflanze an. – Nach einer Brodaer Überlieferung lag die Stadt in der Tollense in der Richtung von Meiershof nach Klein-Nemerow hinüber. Die starksprudelnden Quellen bei Klein-Nemerow wollen nach der Volkssage den goldenen Gott aus der Tollense wieder herausschaffen. Ein Fischereizug zwischen Meiershof und Broda führt noch heute einen unanständigen Namen, [5] der nach der Volkssage früher auch den Dörfern Godendörp (vgl. Kuhn-Schwartz, Ndd. Sagen, S. 32) und Gottesgabe eigen war: in allen drei Fällen scheint es sich um altheilige Stätten zu handeln, die verächtlich gemacht werden sollten.
    14. Auch Broda, der alte Fährort – später Sitz eines Klosters, bewahrt in Flurnamen und Sagen viel alte Überlieferung. Eine Neubrandenburger Sage sucht die untergegangene Stadt in den Wiesen am Tollensefluß.
    15. Die unmittelbare Umgebung von Prilwitz ist mit Sagen angefüllt, von denen aber manche aus jüngerer Zeit stammen. Der „Schloßberg“, auf dem Masch den Rethratempel suchte (hier hat eine mittelalterliche Burg gestanden), tritt wenig hervor. Mehrere Schatzgräbersagen haben zum Mittelpunkt den Landrat von Bredow, der zu Maschens Zeit wiederholt Bronzefunde gemacht hat. Der im Idolstreit vielgenannte Flurname „Rhetrerberge“ wird bei Kühnel aus dem Flurregister von 1759 belegt.
    16. Auch die Geschichte der Prilwitzer Idole wird durch zwei Überlieferungen beleuchtet. Näheres kann hier nicht angedeutet werden.
    17. Im Hinterlande von Prilwitz sehe ich altes Priester- und Tempelland. Hohenzieritz war noch vor fünfzig Jahren als Hexendorf verschrien – wie auch andere Dörfer in der Nähe wendischer Kultstätten, so z.B. Rambow beim Sageler Burgwall. – Der 1898 abgebrannte Dorfviehstall in Hohenzieritz führte im Volksmunde den Namen „Nobelskrog“: derselbe Name, dessen mythischer Charakter ja bekannt ist, kehrt auch beim nahen Kratzeburger Burgwall wieder, auf dessen Bedeutung für die Rethrafrage schon Lisch hingewiesen hat. – Im „Heidenholt“ in der Hohenzieritzer Forst haben sich nach der Volkssage die letzten Wenden behauptet. – In dem im selben Walde gelegenen „Stribbow-See“ wohnen weibliche Gottheiten. – Im „Faulen See“ auf Wendfelder Feldmark liegt nach der Volkssage der Wendenkönig begraben. – Im benachbarten Blumenholz weisen Flurnamen wie Gottskamp auf altes Tempelland hin.
    18. Die vor Prilwitz liegende Insel „Kietzwirel“, auf der Oesten eine starke wendische Besiedelung nachgewiesen hat, erscheint in einer bedeutsamen Visionssage als Stätte eines Tempels.
    19. Die Feldmark der zu Prilwitz gehörenden Meierei Ehrenhof (Im Süden der Lieps) hat sicher mit zum heiligen Bezirke gehört. Der Name hat, wie der Flurname „Ihrenkölk“ zeigt, nichts mit dem Vornamen des Landrats Ehrenreich von Bredow zu tun, wie immer behauptet wird. Der Weg, der vom Gutshofe an die Prilwitz-Usadeler Landstraße heranführt (früher ging er bis an die Lieps weiter), war nach der Sage „der alte Weg nach Schöne Reda“.
    20. Über den „Spitzberg“, der nicht weit von diesem Wege liegt, läuft eine Sage um, die auf den Kult einer weiblichen Gottheit schließen läßt.
    21. Der nahe kalkhaltige, in die Lieps fließende „Eliasbach“ (im Volksmunde Liers bäk oder Liersch bäk), der Mittelpunkt der Spuksagen der ganzen Gegend, scheint der Grenzbach des heiligen Bezirkes nach Westen hin gewesen zu sein. Auch bei anderen wendischen Kultstätten ist es ein Bach, bei dem der Spuk beginnt.
    22. Die Sagen von dem nahegelegenen „Pferdeberg“, aus dem der Pferdedieb Schruckfoot, mit elfenbeinernem Rock bekleidet, hervorkommt, bewahren die Erinnerung an das Kultbild einer slavischen Gottheit (Svantevit?), das hier auf ragender Höhe, von der aus man das ganze Seengebiet überschaut, seinen Stand hatte. Diese Sagen finden ihr Gegenstück in der Sage von dem Dämon Knickerbeen, der an der Lauenburgischen Grenze haust, und auch die Sage vom Viting im „Sonnenberge“ bei Parchim ist nahe verwandt.
    23. Die ganze Umgebung des Blankenburg-Teiches ist voll von merkwürdigen Überlieferungen, die auf alte Heiligkeit der Stätte schließen lassen. Die obenerwähnte Sage übrigens von dem goldenen Gotte, der hier vergraben sei, ist auf drei Dörfer beschränkt.
    24. Die Überlieferung des Volkes von einem Damm in der Lieps, der von Usadel her bis in die Gegend des Pferdeberges führte, verdient eine Nachprüfung.
    25. Auf der Feldmark von Usadel, die noch zu Maschens Zeit an Grabdenkmälern und Befestigungsanlagen überreich gewesen ist, tritt in der Volkssage der „Paterenenberg“ hervor: nördlich von ihm hat Oesten eine Dammaufschüttung aufgedeckt.
    26. Das an Usadel grenzende Krickow, das bisher von der archäologischen Forschung ganz vernachlässigt worden ist, war nach der Volkssage der Marktplatz von Rethra. Hier haben nach einer Sage die Wenden auf ihrer Flucht Halt gemacht und den goldenen Gott angebetet. Von einem Damm, der nach der Volkssage von den Hofgärten aus zur Lieps nach Schöne Reda hinunterführte, sind noch heute Reste vorhanden: seine Richtung wird festzulegen sein. Flurnamen wie Hexenkeller, Irrgooren u.a. sind bedeutsam. Von der „Kiwenitzkuul“ gehen Sagen um, die auf den Kult weiblicher Gottheiten hinzudeuten scheinen. In der „Krickower bäk“ haben wir den Grenzbach, der den heiligen Bezirk nach Norden hin abschloß, zu sehen: auch hier häufen sich wieder die Spuksagen, die zum Teil in sehr alte Zeit hinaufragen.
    27. Die alte Heiligkeit des „Liepser Bruches“ wird in Flurnamen wie „Wiekbäk“ (das ist die ältere Namensform für das Wietbäk der Karten – der Name findet sich auch sonst bei sicher wendischen Burgwällen), „Nonnenbäk“ und „blag‘ Wisch“ (beide altmythisch) bezeugt. – Auf der „kleinen Horst“ hier im Liepser Bruch liegt nach mehrfach beglaubigter Sage das goldene Kalb. – Hier war der „Wendenkirchhof“. An der westlichen Spitze des Bruches, dem „Bacherswall“, hat Oesten eine Befestigungsanlage nachgewiesen.
    28. Die Gegend zwischen dem Liepser Bruch und der Insel „Hempwirel“ ist nach beachtenswerten Sagen die eigentliche Stätte von Rethra. Hier taucht am Johannistage (in allen Rethrasagen ist es wie auch sonst in den Sagen von wendischen Burgwällen immer nur der Johannistag, an dem das Untergegangene ans Licht kommt) allerlei Goldenes hervor.
    29. Der Hanfwerder selbst war nach der Angabe eines Gewährsmannes, der aus guter Quelle schöpfte, die Stätte eines Tempels; hier liege der Schatz begraben. Auf der Insel, auf der früher bei der Beackerung wendische Kulturreste in sehr großen Mengen ans Licht gekommen sind, haben schon Boll und Brückner gegraben. Oesten hat hier eine Uferbefestigung nachgewiesen. Ein Steindamm führt, nach den Angaben alter Leute, unter der ganzen Oberfläche der Insel hin.
      Hier auf dem Hanfwerder sind früher, was Oesten entgangen zu sein scheint, Tierknochen und Hirschgeweihe in großer Zahl gefunden worden. Es ist möglich, daß diese Funde mit der Angabe Thietmars, daß der Tempel „pro basibus diversarum sustentatur cornibus bestiarum“, in Zusammenhang zu bringen ist, wie auch in der Stadt Malchow, der Stätte eines anderen wendischen fanum cum idolis, Hirschgeweihfunde gemacht worden sind. Natürlich würde, wenn fortgesetzte Grabungen hier Spuren eines Tempels ergeben sollten, damit nicht erwiesen sein, daß wir es hier mit dem von Thietmar beschriebenen Radegasttempel zu tun hätten. Es wäre sehr wohl möglich, daß hier in der Nähe des Marktplatzes Krickow ein Heiligtum stand, in dem die niederen Volksschichten zu opfern pflegten, während der Kriegsgott Radegast auf der Fischerinsel verehrt wurde.
      Eine solche Annahme könnte durch einen weiteren Umstand eine Stütze gewinnen. Hier auf dem Hanfwerder findet, wie schon Steusloff (1907) hervorgehoben hat, Holunder (Fleeder) in ungewöhnlicher Menge und Stärke. Die Beobachtung Beyers in seiner wertvollen Arbeit über die wendischen Schwerine in Mecklenburg (1867), daß Flurnamen wie Fleederkuul, Fleederbarg u.a. sich auffallend oft bei wendischen Burgwällen finden, hat sich für ganz Mecklenburg als richtig erwiesen. Und auch im Rethragebiete (bei Rehse und in der Zechower Forst) finden sich diese Namen. Nun hat schon Beyer, dem das starke Vorkommen des Holunders auf dem Rethragebiete noch unbekannt war, eine Nachricht des Miletius herangezogen, daß die Sarmaten einen Gott Putscaetus verehrt hätten, den sie sich unter einem Holunderbaume wohnend dachten und den sie zu bitten pflegten, bei Marcopolus, dem deus magnatum et nobilium, für sie Fürbitte einzulegen. Einen Gott Puschaitis hatten nach derselben Quelle auch die Slaven. Das mecklenburgische Pustekow liegt in der Nähe einer wendischen Kultstätte. Das alles will genauer erforscht sein. Eine eindringende Untersuchung des ganzen Hanfwerders und seiner Umgebung ist jedenfalls ein dringendes Erfordernis.
    30. Aber auch das Hinterland von Usadel, die große „Zechow“ genannte Forst, in der schon Masch Rethra gesucht hat, ist angefüllt mit Sagen, die zum Teil in wendische Zeit zurückweisen. Das „schwarze Bruch“ bei Ehrenhof, der Schauplatz einer Vision, die lange „Krämerkuul“, die noch vor sechzig Jahren nach den Angaben eines zuverlässigen Gewährsmannes durch Grabanlagen und botanische Merkwürdigkeiten ausgezeichnet war (hier war nach der Volkssage der eigentliche „Aufenthaltsort“ der Wenden), die Umgebung von „Rodenkrog“, in der ein goldener Hahn die Leute schreckt, der „Keulenberg“ mit der sicher alten Sage von der jeden Mittag aus der Erde hervorkommenden menschenkopfartigen Wunderpflanze, die den Arm des christlichen Pastors, der sie fortbannen will, lähmt, u.ä.m., das alles macht mir zur Gewißheit, daß wir es hier in dieser Forst mit der Hauptmasse jenes obenerwähnten heiligen Waldes zu tun haben, und daß auch in diesem Walde sich Kultstätten befunden haben. Auch das nahe Wanzka – noch heute die Stätte eines Marktes – tritt in Flurnamen und Sagen bedeutsam hervor.
    31. Ich gewinne eben, je tiefer ich in den Sagenkreis der ganzen Gegend eindringe, immer mehr die feste Überzeugung, daß wir es bei Rethra mit einer ausgedehnten civitas zu tun haben, die eine größere Anzahl von Befestigungsanlagen und auch mehrere Tempelstätten umschlossen hat. Die Grenze des ganzen Gebietes festzustellen, wird, wenn überhaupt, nur mit Hilfe der Sagenforschung gelingen können.

Wie die Zeitungen kürzlich meldeten, hat die Rethra-Kommission erfreulicherweise beschlossen, die Grabungen mit Eifer fortzuführen, sobald die nötigen weiteren Mittel aus der Virchow-Stiftung bewilligt sein werden. Die Kommission wird sich einer ernstlichen Prüfung des Ergebnisses der Sagenforschung nicht länger entziehen können, ohne der Sache zu schaden.[6] Und wir dürfen an der Hoffnung festhalten, daß es vereinter Arbeit gelingen werde, das Problem, das nun schon soviel Kraft in Anspruch genommen hat, in seinem Hauptteile der Lösung zuzuführen.

Allein – wie auch immer der Wert der Volkssage für die archäologische Forschung sich stellen mag – die Rethrasagenforschung trägt ihren Wert und ihren Lohn in sich selber. Erst in diesen zwei Jahren hab ich den unerschöpflichen Sagenreichtum des Mecklenburger Volkes in vollem Umfange würdigen lernen. Ich werde die Sammelarbeit weiterführen, bis die ganze Umgebung in weitestem Umfange planmäßig abgesucht und der letzte erreichbare Gewährsmann ausgefragt ist. Dann werde ich mich den übrigen wendischen Kultstätten der Heimat zuwenden. In etwa zwei bis drei Jahren hoffe ich dann den ganzen Sagenkreis in urkundlicher Form ans Licht bringen zu können. Die Vergleichung mit der Masse der übrigen Sagen der Heimat, die in meinen Händen ist, sowie auch die Durchforschung der Flurnamen wird die Eigenart der auf wendische Zeit zurückgehenden Überlieferungen aufdecken, vielleicht auch slavischen Kult in helleres Licht stellen können.

Möchte man auch in anderen deutschen Ländern, in denen Slaven wohnten, ernstlich an die Sagenforschung gehen. Der Lohn wird nicht ausbleiben. Auch um die Vinetasagen z.B. hat sich ja niemand bisher ernstlich bemüht. Das eben ist die Lehre, die die Rethraforschung nahelegt, daß wir doch, wie in allen volkskundlichen Dingen, so auch in der deutschen Sagenforschung erst am Anfange stehen und daß die Überlieferung des Volks doch zäher ist, als man zu glauben pflegt.

Wossidlo, Richard: Über die Erforschung der Rethrasagen, in: Mitteilungen des Verbandes deutscher Vereine für Volkskunde, Nummer 8, Dezember 1908, S. 21-30

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[1]    Kurz bevor unser Verband in Berlin tagte, hatte in Lübeck eine Tagung des Gesamtvereins deutscher Geschichts- und Altertumsvereine stattgefunden, wobei Herr Prof. Richard Wossidlo über seine Rethrasagen-Forschung sprach. Auf Bitten der Schriftleitung dieses Korrespondenzblattes hat der verdienstvolle Forscher die Güte gehabt, auch den Mitgliedern des Verbandes von jenem Vortrage in dem folgenden stark verkürzten und erheblich veränderten Berichte Kenntnis zu geben.

[2]    Der Umstand, daß der Wasserspiegel beider Seen heute um anderthalb Meter höher ist als zur Wendenzeit (das Stauwerk der am Ende des 13. Jahrhunderts gebauten Vierrademühle in Neubrandenburg hat diese Erhöhung bewirkt) und daß dadurch der Umfang der in den Seen gelegenen Inseln erheblich gegen früher verändert ist, erschwert die Grabungen außerordentlich. Die Berichte Oestens finden sich in der Ztschr. f. Ethnol. 1904 S. 758 ff., 1905 S. 981 ff., 1906 S. 1006 ff., 1908 S. 559 ff.

[3]    Bisher sind hier nur die Reste eines steinzeitlichen Pfahlbaues aufgedeckt worden.

[4]    d.h. bis Ende November

[5]    In dem Programm von Kühnel „Die slavischen Ortsnamen in Mecklenburg-Strelitz“, II (1883), S. 36, wird dieser Fischereizug „dodentog“ genannt. Sein Gewährsmann, ein Verwandter des Fischereipächters, gestand mir, daß er diesen Namen gewählt habe, weil er den anstößigen Namen nicht habe nennen mögen. Man muß eben beim Sammeln der Flurnamen stets an Volksschichten sich wenden, die solche Rücksichten nicht kennen.

[6]    Unmittelbar nach Absendung dieses Berichtes erhielt ich die Aufforderung, der Rethra-Kommission beizutreten und ihr die von mir gesammelten Sagen vorzulegen.

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