Robert Beltz: Rethra.


Robert Beltz: Rethra. (PDF)

Digitalisiert durch:rethra.wordpress.com

Es liegt ein Ort im Gau Riedierun, Riedegost mit Namen, dreispitzig und drei Tore enthaltend, welchen von allen Seiten ein von der Bevölkerung unberührter heiliger großer Wald umgibt. Zwei seiner Tore stehen allen Eintretenden offen, das dritte, nach Osten gerichtet und am kleinsten, weist auf einen schmalen Weg zu dem unmittelbar daran liegenden schaurig anzusehenden großen See. Dort liegt nur ein kunstvoll aus Holz errichteter Tempel, der auf den Hörnern verschiedenartiger Tiere als Grundlagen ruht. Seine Wände schmücken außen verschiedene Bilder von Göttern und Göttinnen in staunenswerter Schnitzarbeit, wie der Beschauer es sehen kann; im (sc. nicht betretbaren) Innern aber stehen Götter von Menschenhänden gemacht, an jedem der Name eingemeißelt, schrecklich angetan mit Schwert und Panzer, deren Erster den Namen Zuarasiki führt und von den Heiden ganz besonders geehrt und gefeiert wird…
So ungefähr läßt sich der Bericht verdeutschen, welchen der Bischof Thietmar von Merseburg um das Jahr 1012 von dem Hauptheiligtum der lutizischen Wenden zur Zeit seines höchsten Ansehens gegeben hat. Mit Angehörigen dieses Stammes, deren Heerhaufen damals trotz ihres Heidentums als Verbündete im Gefolge des Kaisers Heinrich II. erschienen, hat Thietmar selbst verkehren können. Ton und Form des Berichtes gehen auf einen Augenzeugen zurück. Nach ihm müssen wir unsere Vorstellungen von Rethra uns bilden, und dann einen Ort ausfindig machen, der nach Lage und Besiedelungsresten dieser Vorstellung entspricht. Daran hat die landeskundliche Forschung von ihrem Beginn an gearbeitet, aber bis heute ein abschließendes, alle Schwierigkeiten überwindendes Ergebnis nicht erzielt. Schon im Wortlaut Thietmars läßt sich manches verschieden auffassen; sodann ist seine Darstellung nicht ohne weiteres mit der anderer Berichterstatter in Einklang zu bringen, selbst in den Namen nicht: er gibt den Namen Rethra überhaupt nicht; er nennt seinen Ort Riedegost (sicher gleich Radegast), andrerseits nennt er den Gott Zuarasiki, nicht wie andere Radegast; darüber ist hinwegzukommen, unbedenklich wird man den Hauptort des Redariergaues und die Tempelstätte mit Rethra (oder richtiger Rethre), den Hauptgott mit Radegast (wohl mit dem Beinamen Zuarasiki = Kriegsheld) benennen dürfen. Auch ein Allgemeinbild des Tempels wird man nach der Analogie der nordischen Holzkirchen, die in Norwegen noch heute bestehen und mit denen die Schilderung des dänischen Geschichtsschreibers Saxo Grammatikus über das Seitenstück von Rethra, das Rügensche Arkona, übereinstimmt, sich bilden können; aber beträchtlichere Reste von ihm durch Ausgrabungen zu finden können wir kaum hoffen, bestand er doch aus Holz und mußte bei einer Zerstörung durch Feuer verschwinden, so gut der Tempel von Arkona, dessen Lage doch feststeht, spurlos verschwunden ist, und noch eher als dieser, da er sehr wahrscheinlich unter dem heutigen Wasserspiegel liegt, wo die Wellen seine Spuren verspülen. Was wir zu finden erwarten dürfen, ist eine Kulturschicht mit wendischen Überresten, deren Lagerung und Lage mit Thietmars Nachrichten zwanglos sich vereinigen läßt. Die Ausdehnung der Landschaft, in der Rethra zu suchen ist, das Radwir (Redarierland), läßt sich für die ältere geschichtliche Zeit bestimmen; sie entsprach damals im allgemeinen dem heutigen Mecklenburg-Strelitz mit Ausschluß des südlichen Teiles (von der Linie Prillwitz-Feldberg), war aber in früherer wendischer Zeit, wo die Redarier der mächtigste Wendenstamm waren, sehr wahrscheinlich größer. Und da ergibt sich die Tollense als der große See, von dem Thietmar spricht, und ein Punkt ihres Westufers als der zu suchende Rethraplatz. In frühester geschichtlicher Zeit war hier der wichtigste Ort das heute so unscheinbare Wustrow, der Hauptort einer Terra, dessen Burg der Sitz eines Vogtes war, bis dieser nach Penzlin verlegt wurde. Da die christlichen Eroberer überall an ältere Verhältnisse angeknüpft haben, wird auch hier der Platz schon in wendischer Zeit größere Bedeutung gehabt haben und in seiner Nähe die alte Landeshauptstadt zu vermuten sein. Nun liegt Wustrow gegenüber die kleine Fischerinsel in der Tollense; der Name Wustrow selbst bedeutet Insel; von der Insel also ist der Name auf die Burg übertragen. Sie wird die Stelle gewesen sein, welche der Burg ihre Bedeutung gab, und so ist man dazu gekommen, hier Rethra zu suchen, dessen Name in dem farblosen „Inselburg“ untergegangen ist.
Wie verhält sich dazu der archäologische Befund? Nur Bodenuntersuchungen können den erforderlichen Nachweis erbringen, und durch solche ist gerade in unsern Tagen die Rethrafrage wieder dem allgemeinen Interesse näher gebracht worden. Aus den Kreisen der Berliner anthropologischen Gesellschaft hervorgehend hat sich eine Rethrakommission gebildet, deren Arbeiten besonders in den Händen des Herrn G.Östen liegen. Östen ging von der Anschauung aus, daß die wendischen Städte (civitates) einen größeren besiedelten Raum umfassen und daß der Wasserspiegel der Seen, um die es sich hier handelt, durch Aufstauungen in geschichtlicher Zeit eine ganz beträchtliche Hebung erfahren habe, daß also die wendischen Kulturschichten unter dem jetzigen Wasserstande zu suchen seien; so liegt die heutige Uferlinie der Tollense seit Anlegung der Vierrademühle in Neubrandenburg etwa 1,5 Meter höher als die alte wendische. Auf dieser breiteren Basis haben seit zwei Jahren umfassende und höchst sorgsame Ausgrabungen stattgefunden, über deren bisherige Ergebnisse umstehende Skizze orientieren mag.
Beltz_001
In Prillwitz sind keine wendischen Reste gefunden; diese Stelle hat also vorläufig auszuscheiden. Dagegen haben sich die Inseln und Halbinseln der Lieps als sehr stark besiedelt erwiesen. Hanfwerder und Bacherswall sind wendische Burgwälle oder doch geschützte Wohnstätten; die anliegenden Teile der Niederung des Nonnenhofs, Kietzwerder und Heidensruh sind mit den allbekannten und unverkennbaren Überbleibseln, welche die wendische Besiedelung überall hinterläßt, besonders den leicht zu bestimmenden Scherben, durchsetzt. Sodann ist auf dem festen Boden an der Tollense die Lage des mittelalterlichen Castrum Wustrow an der Stelle des jetzigen Hofes erkennbar; am Abhange zum See liegen wendische Scherben massenweise. Dort führt eine lange, wohlgefügte Brücke in diesen hinein, welche auf die (alte) Südseite der Fischerinsel weist; diese Brücke verbreitert sich nahe ihrem Ende an einer Stelle nach beiden Seiten und hat hier ein größeres Bauwerk getragen. Eine zweite Brücke muß nach Pfahlresten am Nordende der Lieps über die Insel Heidensruh in das besiedelte Gebiet des Nonnenhofes geführt haben.
Die Fischerinsel selbst ist eine ganz niedrige Erhebung von etwa 100 Meter Länge bei 30 Meter Breite, welche nur durch eine schmale Fahrrinne von den in Verlandung begriffenen Schilfufern der Wustrower Wiesen getrennt ist, daher auf unserer von dem Wustrower Festland aufgenommenen Abbildung als Insel kaum erkennbar. Die ganze Oberfläche der Insel ist neuere Verlandung; unter dieser aber finden sich sehr starke Holzkonstruktionen, Plankenlagen, abwechselnd mit Lang- und Querhölzern, welche durch kurze Pfähle gehalten werden.
Beltz_002
Diese Holzkonstruktionen sind aus wendischen Ansiedlungen wohl bekannt; es sind die (mit Pfahlbauten nicht zu verwechselnden) Unterlagen, mit denen der zu Wohnzwecken bestimmte Boden gefestigt wurde. Reste der Bewohnung sind denn auch massenweise zu Tage getreten: Scherben von vortrefflich gearbeitetem Tongeschirr mit scharfer charakteristischer Profilierung und Dekoration; Spindelsteine, Netzsenker, Messer aus Stein und aus Eisen, Schmuckringe, auch Lehmbewurf der Hütten usw. Alles weist auf eine intensive Besiedelung. Festgestellt ist ferner, daß der alte Umfang der Fischerinsel wesentlich größer war, besonders im Osten und Norden, wo ein dammartiges schon durch den Schilfwuchs sich scharf abhebendes Riff sich weit in den See erstreckt. Hierhin setzen sich die wendischen Kulturreste fort, und hier, an der geschütztesten, am weitesten vom Eingange (der Brücke) entfernten Stelle haben wir Spuren des Tempels gesucht. Auf unserer Abbildung zeigt sich links im Schilfe Östens sinnreich konstruiertes Floß, von dem aus die Arbeit vollzogen wird. Kohlen und verkohlte Hölzer, abgerollt durch die Wellenbewegung, sind genug gefunden. Das letzte Wort aber kann, da die Arbeit im vollen Gange ist, noch nicht gesprochen werden.
Wohl aber drängt sich schon jetzt die Frage auf, ob und wie weit der bisherige Befund sich mit Thietmars Bericht vereinigen läßt. Nachgewiesen ist eine wendische Besiedelung der südlichen Tollense und Lieps von einer Stärke, wie an keiner zweiten Stelle des Landes. Zwei Endpunkte, Fischerinsel und Bacherswall, bilden scharfe Spitzen, eine dritte darf nach dem Charakter der Neuverlandungsflächen nahe dem Wiedbach, bei b (a b stellt etwa die alte Uferlinie dar) angenommen werden; so entsteht in der Tat eine Dreiecksgestalt der besiedelten Stelle. Ein Eingang dafür ist sicher nachgewiesen, die Brücke von Wustrow zur Fischerinsel. Auf dieser liegt dann das Tor, von dem ein schmaler Steg zum offenen See führt und über den man zu der Tempelstelle, die auch zur Wendenzeit inselartig abgeschlossen war, gelangen konnte. Dem mitteldeutschen Berichterstatter Thietmars, der einen Landsee nicht kannte, schien das ein gefährliches Wagnis.

Noch ist Rethra nicht gefunden, aber es dürfte nicht leicht eine andere Stelle nachweisbar sein, an welcher topographische und archäologische Verhältnisse so leicht mit dem in Einklang zu bringen sind, was wir über Rethra wissen, wie auf der Fischerinsel.
Beltz_003
Wie es heute auf ihr aussieht, gibt unser zweites Bild, ein malerisches Fischerhaus unter hohen Bäumen, mit der Inschrift Anno 1729, welches Neubrandenburger Fischer bewohnen und das sie mit Schädel und Geäst, die in der Lieps gefunden sind, der alten Bedeutung ihrer Insel stilvoll angepaßt, geschmückt haben.

Beltz, Robert: Rethra, in: Mecklenburg, Zeitschrift des Heimatbundes Mecklenburg, Erster Jahrgang, Nr. 2, Bärensprungsche Hofbuchdruckerei, Schwerin i.M., Juli 1906

Digitalisiert durch: rethra.wordpress.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s