Hermann Grotefend: Mein letztes Wort in der Rethrefrage


Hermann Grotefend: Mein letztes Wort in der Rethrefrage. (PDF)

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In dem jüngst erschienenen Jahresberichte der Geschichtswissenschaft über das Jahr 1889 sagt unser verehrtes Vereinsmitglied K.E.H. Krause zu Rostock, sein Urtheil über die in Jahrbuch LIV abgedruckten drei Aufsätze zusammenfassend: „Ueber die Lage von Rethra ist der Kampf wieder im Gange, doch hat Archivrath Grotefend endlich wenigstens festgestellt, daß sämmtliche Nachrichten, auch Adams, Thietmar zur Quelle haben, und daß von einer Insel bei diesem nicht die Rede ist.“

Es ist mir ein Trost gewesen, hieraus zu erfahren, daß der Mangel an Verständniß für meine Darlegungen, den Herrn Rath Brückner’s Aufsatz in Jahrbuch LV und die obigen Zeilen zeigen, nicht auf einer unklaren Ausdrucksweise von mir beruht. Doch möchten Brückner’s Irrthümer, deren Grundlage die Nichtbeachtung der Quellenkritik ist, und als deren mir unliebsamste Aeußerung die fortwährende falsche Exemplificirung mit meinen – noch dazu meist falsch wiedergegebenen – Worten erscheint, Leser dieser Blätter zu der Ansicht verleiten, daß ihm das größte wissenschaftliche Unrecht widerfahren sei.

Ich will daher noch einmal, um allen Zweifeln zu begegnen, als Inhalt meiner „Bemerkungen“ in Band LIV feststellen:

  • daß ich als Quelle für unsere Kunde über Rethre lediglich den Bericht Thietmars gelten lassen kann;
  • daß ich die völlig ausreichenden, sachlichen Gründe hierfür ausschließlich in der kritischen Vergleichung des Adam‘schen Berichtes mit dem Thietmars finde;
  • daß ich die Zuthaten Adam’s zum Thietmar’schen Bericht, d.h. die neun Thore, den einschließenden See (statt des Waldes) und die lediglich durch die Annahme des Sees bedingte Brücke zur Seite lasse nicht etwa – wie Herr Rath Brückner mir unterschieben möchte – weil sie mir nicht passen, sondern nur, weil sie von Adam herstammen, bei Thietmar aber kein Anhalt für sie sich findet.
  • daß ich demnach nicht, wie Herr Rath Brückner in den obigen Zeilen es als meine Ansicht hinstellen möchte, einen mitten im Urwald belegenen Platz, sondern – man verzeihe gegenüber dieser Verdrehung mir die Wiederholung meiner Schlußworte aus Jahrbuch LIV, 180: nach Thietmars einzig glaubwürdiger Darstellung einen durch Urwald geschützten Ort am Westufer eines größeren Sees als Lage für den heiligen Ort der Redarier verlange.

Das ist das Resultat, wenn man ohne Rücksicht auf die Oertlichkeit „die Quellen aus ihnen selbst heraus beurtheilt“. Wenn Herr Rath Brückner dagegen meinen Vorwurf, daß er „durch Ortsbeobachtungen voreingenommen, aus den zum Theil sich widersprechenden Quellen nur das zu diesen Ortsbeobachtungen stimmende herausgreife“, als „Unterstellung“ bezeichnet und glauben machen will, er habe so nur bei den neun Thoren gehandelt, so frage ich:

Was thut man, wenn man Worte eines gut beglaubigten Schriftstellers (quam undique silva – intacta – circumdat) als unwesentlich bei Seite schiebt und sich statt ihrer an die dafür eingesetzten Worte eines offenbaren Nachschreibers (undique lacu profundo inclusa etc.) hält, obschon man selbst diesen einer durch das Nachschreiben entstandenen Unglaubwürdigkeit (der neun Thore) zeihen muß?

Eine Antwort wird sich jeder im Stillen selber geben können; ich erwarte auch keine, und werde von nun an kein Wort mehr über Rethre verlieren.

Grotefend, Hermann: Mein letztes Wort in der Rethrefrage, in: Jahrbücher des Vereins für Meklenburgische Geschichte und Alterthumskunde, 56. Jahrgang, Schwerin 1891 S. 247-248

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