Paul Behrens: Vineta via Rethra


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„Als Bischof Otto von Bamberg i. J. 1128 seine zweite Bekehrungsreise ins Pommernland unternahm, war ihm die Insel Rügen und das rügische Festland verschlossen, weil der zuständige Erzbischof von Lund die Erlaubnis zur Missionierung in diesem Gebiet vorenthielt. Um so geringer ist die Kenntnis der damaligen Zustände und die Lage von Rethra und Vineta blieb Geheimnis.

Die örtliche Bestimmung der Burg Rethra auf dem Schloßberge am Breiten Lucin zu Feldberg i. Meckl. durch Geheimrat Prof. C. Schuchhardt ist nämlich keinesfalls gesichert, da bei der Grabung Spuren des Tempels gar nicht gefunden werden konnten. Der überlieferte Name der Gottheit Zuarasici verweist nach der slawischen Herkunftsendung –ici auf die germanischen Svaras oder Svardonen, das sind im Dänischen die „Großen“, die nach Tacitus, Germania 40, an der Ostseeküste anzusetzen sind, denn er ist nach Gewohnheit der Slawen von den Vorbewohnern des Landes ebenso abgeleitet, wie der des Götzen Rugivit zu Carenza a/Rg. von den Rugiern. Auch Erzbischof Bruno von Schwerin nennt ihn in seinem Briefe an Kaiser Heinrich II. (Meckl. Ann. I 56) Zuarasici, so daß Radegast nur ein Beiname gewesen sein kann.

Die letzte Nachricht von der Zerstörung der Tempelburg Rethra gibt als Zeitgenosse Pfarrer Helmold in seiner „Slawenchronik“ (I 71) zum Jahre 1151:

„Die Kycinen und Circipanen haben sich empört und die gewohnten Steuern verweigert. Graf Adolf unterstützte Niklot, den Fürsten der Obodriten, bei der Unterwerfung der Empörer. Beide zogen mit ihren Heeren in’s Land der Kycinen und Circipanen und verwüsteten das feindliche Gebiet mit Feuer und Schwert. Auch den hochberühmten Tempel zerstörten sie samt den Götzenbildern und den ganzen heidnischen Kultus.“

Das zerstörte Heiligtum muß also im Lande eines dieser beiden Volksstämme gelegen haben, von denen die Kycinen am Ostufer der Warnow bis zur Recknitz, die Circipanen in dem von Peene, dem Greifswalder Bodden, dem Strelasund und der Ostsee umspülten Land saßen. Südlich davon siedelten die Tollenser und im meckl. Kreise Stargard (Strelitz) die Redarier. Unter den vier Volksstämmen entstand 1056/7 ein Streit um den Vorrang und die Obermacht, der in einen Krieg ausartete. Den Verlauf beschreibt Magister Adam von Bremen um 1070 in seiner „Hamburgischen Kirchengeschichte“ (III 21) nach dem Zeugnis eines angesehenen Mannes aus Nordalbingien. Helmold übernahm diesen Bericht (I 21), fügte aber hinzu, daß die Redarier und Tollenser wegen des Alters und Ansehens ihrer Tempelburg mit dem Bildnis des Radegast herrschen wollten. Adam sagt davon nichts, so daß es sich hierin um bloße Mutmaßung handeln wird. Dennoch kann der Streit wegen der Einkünfte aus dem Götzendienste ausgebrochen sein. Es ist indessen die Folgerung hinfällig, daß die Burg Rethra im Lande der Redarier gelegen habe, die der Forschung einen Irrweg wies. Die Erklärung ist sehr einfach: Die Retherer von Rethra sind von Adam (II 18) und Helmold mit den Redariern verwechselt worden.

Wenngleich das Wendenheiligtum schon einmal i.J. 1068 von dem streitbaren Bischof Burchard II. von Halberstadt zerstört worden war, um den Opfertod des alten Bischof Johannes von Mikilinburg bei Wismar zu rächen, war der Kult ersichtlich wieder aufgelebt – wie in Arkona nach dem Fall von 1136 -. Die Tempelburg muß ein erhebliches Ausmaß gehabt haben, da dort die Landtage abgehalten wurden (1013), und bei der damaligen Bedeutung des Schiffsverkehrs auch auf dem Wasserwege zugänglich gewesen sein.

Die Deutung des Ortsnamens Rethra beschränkt die Lage weiter auf den Saum der Ostsee und zwar auf die verschilfte Boddenküste, weil pl. Reth gleich Ried ist, slw. Riedegost gleich Schilfdickicht, und das aus dem Dänischen kommende ra: Reede bedeutet. Rethra gehört in die Reihe der Wikingerhäfen: Abenraa/Apenrade: offene Reede, Wismeraa/Wismar: Wikzugreede, Stolteraa westlich Warnemünde: stolze (stattliche) Reede, und Bliesenrade a/Darß am Nordufer des Koppelstroms: Weiß-Strand-Reede. Schließlich wird noch Stettin mit dem Dunzig (poln. Dunczyk: der Däne), der Wasserverbindung zwischen der Westoder und dem Dammschen See, hierher zu zählen sein, denn sie war eine Reede in der Landzunge, dän. Odde, so daß auch der von Adam von Bremen (II 18, 19) für den Oderstrom gebrauchte Name Oddara seinen Ausgang von dieser ursprünglich dem Schiffsankerplatz geltenden Bezeichnung genommen hat.

Soweit es anging, bevorzugten die Normannen auf ihren Fahrten Binnengewässer und der Saaler Bodden war derzeit vom Westen her noch durch die jetzt verlandete, nach dem germanischen „Hunto“ benannte Hundsbeck nördlich Ahrenshoop, der auf dem Darß der Weddenort (Spähposten) vorgelagert ist, zugänglich. Sie wurde 1393 von den Rostockern bei der Zerstörung einer im Entstehen begriffenen neuen Stadt zugedämmt. (W.Reinhold, Chr. d. Stadt Rostock S. 28) Gegenüber dem Boddendorfe Born a/Darß am Südufer des Koppelstroms ragt, westlich und östlich von Bülten umgeben, die Nordwestecke des Festlandes in den Bodden, die nur auf schmaler Basis mit der Küste zusammenhängt. Ein Blick auf die Karte zeigt, daß die Landzunge drei nach Westen (Eichort), Norden (Rhedeort) und Osten (Planort) gerichtete Hörner (Vorsprünge) in so ausgeprägter Form aufweist, wie sie in Mecklenburg und Pommern nicht wiederkehrt. Es ist die „urbs tricornis“ des Thietmar von Merseburg; er hat das dreihörnige Gelände meisterlich bezeichnet! Die heidnische Kultstätte wurde durch den Namen des Erzengels Michael, der den zum Drachen verwandelten Teufel schlug, christianisiert und in Michaelsdorf umgetauft. Der sich östlich anschließende weite Reedensee war Schiffsliegeplatz und das „Roland“ wird als „Vorland“ zu verstehen sein, auf dem die Zelte aufgeschlagen wurden. Slawische Bewohner sind noch i.J. 1302 nachweisbar, denen der Rügenfürst Wizlaf II. in seinem Vermächtnis die genossenen Freiheiten zusicherte. Bei dem regen Besuch der Opferstätte und des Orakels zu Rethra blühte, wie an allen Verkehrsplätzen des Altertums, auch der Handel; im benachbarten Vineta konnte zumindest das als Speisewürze unentbehrliche Salz eingehandelt werden. Beide Stätten zu vernichten, war der Zweck der Beteiligung des Grafen Adolf II. von Holstein-Schauenburg an dem Heereszuge von 1151 mit einem Aufgebot von mehr als 2000 Mann, um das Gedeihen seiner 1143 gegründeten Stadt Lübeck durch Beseitigung des Wettbewerbs von Rethra/Vineta zu fördern. …“

Paul Behrens: Vineta via Rethra, Beitrag zur germanischen Geschichtsforschung, als Manuskript gedruckt, Adlers Erben, Rats- und Universitäts-Buchdruckerei und Verlagsanstalt, Seestadt Rostock 1940 S. 3-5

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