Gustav Oesten: Ueberreste der Wendenzeit in Feldberg und Umgegend. (2)


Gustav Oesten: Ueberreste der Wendenzeit in Feldberg und Umgegend. (2) (PDF)

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(12) Hr. G. Oesten überreicht unter dem 14. October nachstehenden Bericht über die

Ueberreste der Wendenzeit in Feldberg und Umgegend.

Wenn auch die diesjährigen Nachforschungen nach den Resten der Wendenzeit hier kein Object ergeben haben, welches an und für sich als besonders werthvoll oder als solches bezeichnet werden könnte, das nur einem wendischen Heiligthume zukäme, also für die Rethra-Hypothese entscheidend ins Gewicht fiele, so erscheinen doch die Ergebnisse der Aufgrabungen in diesem Sommer nicht unwichtig. Keines derselben läuft dabei der von mir aufgestellten Vermuthung, dass in der vorliegenden Landschaft Rethra wiedergefunden sei, entgegen, vielmehr schlagen alle unverkennbar in bestätigender Richtung ein.

Zunächst ist an der Iser Purt, deren wendischer Charakter nach Beyer im XXXVII. Bande der meklenburgischen Jahrbücher nicht zu bezweifeln ist, durch Aufgrabung bestätigt worden, dass hier ein umfänglicher Holzbau durch Brand zu Grunde gegangen ist. Man kann an dem hier befindlichen Abflussgraben drei Abschnitte unterscheiden. Westlich nach dem Carwitzer See zu bildet derselbe noch jetzt einen tiefen und breiten Durchstich durch hohes und festes Land; östlich nimmt der Graben seinen Weg durch eine breite und sumpfige Wiese; zwischen beiden liegt eine kurze Uebergangsstrecke (vergleiche die Karte S. 87 oder die Generalstabskarte 1 : 25 000). Diese Stelle ist der natürliche Eingangspunkt in unsere Landschaft. Hier liegt auch gegenwärtig die Schleuse und bei derselben sieht man unter dem Wasserspiegel die Ueberreste eines alten Baues aus Eichenholz. Auf der rechten Seite des Grabens, der äusseren vom Redariergau aus, befindet sich, wie die Aufgrabungen gezeigt haben, unter einer aufgeschwemmten Ackerbodendecke von 0,3-0,5 m eine Schicht schwarzer, mit kleinen Holzkohlenpartikelchen gesättigter Branderde von etwa 0,5 m Dicke. Diese Schicht hat eine scharfe äussere Abgrenzung in der Form einer halben Ellipse, deren grosse Axe, in der Länge von etwa 50 m, der Bach bildet, und deren kleine Axe, von etwa 20 m, senkrecht zu demselben gerichtet ist. Innerhalb dieser Fläche findet man am Graben selbst und unterhalb des Wasserstandes desselben auch Reste von unverbranntem Eichenholz. Auf der linken, inneren Seite des Grabens findet sich ebenfalls die kohlehaltige Schicht vor, jedoch nur in geringer Ausdehnung. Diese Brandschicht liefert den Beweis, dass hier in der That ein starker Holzbau vorhanden gewesen sein muss, der seiner Lage und Ausdehnung nach sehr wohl zur Befestigung des Brückenüberganges und der Schleuse gedient haben kann, und dass derselbe durch Feuer zerstört sein muss.

Die der Iser Purt zunächst gelegene Halbinsel des Carwitzer Sees, der Conower Werder, zugleich die grösste desselben und gegenwärtig mit dem schönsten Buchenwald bestanden, habe ich vergeblich nach einer Spur einer früheren Besiedelung durchsucht. Bei allen Aufgrabungen an den verschiedensten Stellen hat sich stets nur der rohe natürliche Waldboden vorgefunden. Ich darf sagen, dass eine wendische Ansiedelung auf dem Conower Werder nicht bestanden hat. Dennoch sind die Ueberreste zweier alten Wälle vorhanden, und zwar befindet sich der eine am eigentlichen Fusse der ganzen Halbinsel, ungefähr an der Grenze der jetzigen Bewaldung, der zweite da, wo, wie auf der Karte ersichtlich, das Wasser eine Einschnürung der Halbinsel bildet, und zwar quer über dieselbe, von der einen Uferseite zur anderen. Diese Wälle scheinen nur niedrig gewesen zu sein und machen nicht den Eindruck ehemaliger Befestigungen, wohl aber den, als ob sie zu Einhegungen gedient hätten.  Wenn man berücksichtigt, dass der Name Conow von „kon“ Pferd abgeleitet wird und soviel bedeutet, wie Pferdeau, Pferdekoppel, sowie dass der Conower Werder seiner Gestaltung wegen hierzu ganz besonders geeignet erscheint, so wird man kaum fehlgehen, wenn man in demselben den Ort des Gestüts der ausgedehnten wendischen Besiedelung sieht, welche hier bestanden haben muss. Auf Rethra bezogen, würde hier die Stelle sein, wo das heilige weissagende Ross gehalten wurde, welches Bischof Burkhardt von Halberstadt im Jahre 1078 bestieg und entführte. Ist vielleicht der in dem Schlummerliede der Kleinen noch lebendige „Buko von Halberstadt“ auch ein Ueberrest aus der Wendenzeit und eine Volkserinnerung an den Bischof Burkhardt? Jedem Kinde in dieser Gegend wird das Lied gesungen:

„Buko von Halberstadt
Bring ok uns‘ lütt (Name) wat
Wat sall he ehr denn bringen?
Golden Schoh mit Ringen u.s.w.

Die Spuren und Ueberreste wendischer Besiedelung auf den Inseln des Carwitzer Sees sind, ausser auf den bereits verzeichneten Stellen, auf den im östlichen Theile des Carwitzer Sees belegenen, im Plan nicht angegebenen Inseln: Elswerder, grosses und kleines Barswerder festgestellt worden, zum Theil unter Aufschwemmungen von mehr als Meterhöhe. Diese Inseln sind jetzt nur sehr klein, sie haben aber mit den zwischen ihnen befindlichen Untiefen: „der weisse Berg“, „der lange Berg“ bei dem früheren niedrigeren Wasserstande erhebliche Ausdehnung und Zusammenhang gehabt und vervollständigen daher das topographische Bild der alten, allenthalben von Wasser umgebenen Besiedelung nicht unwesentlich.

Eine Aufgrabung an der Landseite des Kl. Ziegenberg (Generalstabskarte) bei Nr. 2 des Plans S. 87 hat dargethan, dass hier allerdings (vgl. S. 94) ein Wasserarm früher bestanden haben muss, da der gegenwärtige Boden bis tief unter den Wasserstand aus neuerer Aufschwemmung und Verlandung besteht. Damit sind in der That 9 Wasserarme von der Insel Purt über die Carwitzer Brücken bis nach der Feldberger Amtsinsel constatirt, die sämmtlich einem und demselben zusammenhängenden Gewässer angehören. Wenn nun diese hydrographische Gestaltung auch nicht der „novies Styx“ des römischen Dichters gleichen mag, so kann sie doch sehr wohl dem Chronisten, dem von diesem neunfachen Wasserübergang berichtet worden ist, das gebrauchte Citat nahe gelegt haben. Man darf wohl annehmen, dass Adam den Vers des Dichters nicht angewendet haben würde, wenn ihm nicht eine Oertlichkeit beschrieben worden wäre, welche diese Anwendung an die Hand gab, dass also der dichterischen Ausdrucksweise des Chronisten immerhin eine entsprechende örtliche Gestaltung zu Grunde liegen muss.

In Feldberg selbst ist eine Aufgrabung bei dem Punkte T1 des Plans S. 91, der Stelle, wo etwa das Eingangsthor in die urbs Riedegost gestanden haben müsste, ausgeführt, und ist hier unter einer Aufschwemmung von 1 m Stärke eine ausgedehnte Brandschicht getroffen worden; dieselbe nimmt nach Norden hin an Mächtigkeit ab, nach Süden hin zu und reicht hier bis unter den Grundwasserspiegel. Sie besteht ausschliesslich aus Kohlenstücken und mehr oder weniger gebrannter Lehmmasse. Letztere stimmt in ihrer Beschaffenheit mit der gebrannten Lehmmasse der Burgwälle dortiger Gegend: Quadenschönfeld, Jatzke, vollkommen überein. Auf den Wallkronen dieser Burgwälle, deren aus Holz und Lehm aufgeführt gewesene Mauern durch Brand zerstört sein müssen, findet sich diese gebrannte Lehmmasse mit den Abdrücken von Holztheilen in allen Stadien des Brandes und stellenweise in grosser Menge. Ebenso hier auf der Halbinsel Feldberg an der bezeichneten Stelle. Es ist daher anzunehmen, dass ein aus Holz und Lehm aufgeführt gewesenes Bauwerk und zwar, da keine Scherben oder andere Culturreste in dem Brandschutt zu finden sind, ein als Befestigung dienender Bau zur Wendenzeit hier gestanden hat.

Endlich ist in dem nördlichen Theile des Amtshofes am Fusse des Hügels, auf welchem das jetzige Amtshaus steht, ein Einstich von ziemlich 3 m Tiefe unter Bodengleiche ausgeführt worden. Derselbe ergab neueren und mittelalterlichen Schutt bis zu einer Tiefe von 2 m. Hier hört der mittelalterliche Ziegelsteinschutt, an dem bekannten grossen Steinformat kenntlich, auf und es beginnt die überall hier getroffene schwarzbraunne eichenholzhaltige Schicht. In derselben wurden 2, quer durch die Grube reichende, unter sich convergirende, behauene, eichene Balken und verschiedene Stücke von bearbeitetem Eichenholz vorgefunden, darunter ein lattenförmiges, an beiden Enden abgeschrägtes Stück mit regelmässigen Einkerbungen und Löchern, in deren einigen abgebrochene Holzstifte sitzen. Ueber die einstige Bestimmung dieses Stückes konnte eine Erklärung nicht beschafft werden. Ferner ein schlanker eichener Keil und 2 Stück wendische Gefässscherben, das eine mit einem Theil eines anscheinend kreuzförmigen Abdrucks versehen. Das eingesenkte Visireisen stiess noch 0,5 m tiefer, mithin etwa 2 m unter dem gegenwärtigen Wasserstand auf massives Holz. Der Andrang des Grundwassers setzte der Ausgrabung ein Ziel. Dieselbe hat wieder bestätigt, dass nur mit erheblichen Schwierigkeiten hier auf die, unter Wasser versunken liegende, wendische Schicht zu dringen ist, dass aber nach Ueberwindung dieser Schwierigkeiten Fundstücke zu erwarten sind.

Oesten, Gustav: Ueberreste der Wendenzeit in Feldberg und Umgegend, in: Zeitschrift für Ethnologie, Verhandlungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, Berlin 1887 S. 503-505

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