Heinrich Wilhelm Hermann Willebrand: Rethra


Heinrich Wilhelm Hermann Willebrand: Rethra (1877) PDF

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III.
Rethra.
Vom Pastor Willebrand zu Zapel.

In den Jahrbüchern Bd. XXXII, S. 137 (vgl. XXXVII, S. 69) sprach Herr Archivrath Beyer die Ansicht aus, die alte Tempelstätte von Rethra, das castrum, habe auf der sogen. Fischerinsel im Tollenser See gelegen, das dazu gehörige Dorf, die villa, dagegen auf dem Festlande an der Stelle des jetzigen Hofes Wustrow. Ich unternahm am 25. Mai 1877 eine Wanderung in diese geschichtlich und naturgeschichtlich so interessante Gegend, um mich durch den Augenschein davon zu überzeugen, ob jene Annahme in der Beschaffenheit der Localität ihre Bestätigung finde. Von Penzlin kommend, erblickte ich auf der Höhe bei Siehdichum im Grunde vor mir liegend gegen Osten einen Theil des Tollenser See’s und die neben Wustrow liegende Fischerinsel, sowie mehr südlich das vom Wustrower Bach durchströmte schöne Thal. Je mehr ich mich beim Weiterwandern dem See näherte, desto schmerzlicher erkannte ich, daß die Fischerinsel völlig flach, ohne die geringste einem Burgwall ähnliche Erhöhung war, nur mit einigen Bäumen bewachsen, mit einem Häuschen in der Mitte, vor welchem einige Fischer hin und her gingen, die mit ihren Kähnen an der Insel gelandet waren.

Durch die Freundlichkeit des Herrn Inspectors Künzel zu Wustrow erhielt ich einen Kahn, auf welchem ich mit dessen Sohn die Ueberfahrt zur Fischerinsel machte. Die ganze Insel ist so flach, daß sie kaum einen Fuß hoch über den Wasserspiegel des See’s hervorragt, nur dicht am Wasserrande kann man trocknen Fußes dieselbe umgehen: in der Mitte ist flaches Wasser, das von Caltha palustris und Wiesengräsern verdeckt wird. Das Haus ist 14 Schritte lang und 8 Schritte breit; um dasselbe kann man ebenfalls trocken herumkommen, da ein mit Seesand einige Zoll hoch bedeckter Umgang um dasselbe führt. Von Gefäßscherben ist keine Spur zu finden; nicht das Geringste deutet auf einen früheren wendischen Wohnplatz hin. Auch keine Pfähle, als etwaige Ueberreste einer früheren Brücke zwischen dem Festlande und der Insel, befinden sich nach Aussage des Fährmanns im See.

Dagegen halte ich den Hof Wustrow selbst für die Tempelstätte des alten Rethra. Die Lage desselben stimmt auffallend gut mit den Beschreibungen Thietmar’s und Adam’s. Der Hof bildet ein gleichschenkliges Dreieck (tricornis: Thietmar), dessen kürzere Seite, die Grundlinie, gegen Osten nach dem See hin gerichtet ist und auf welcher jetzt das Wohnhaus liegt; hinter dem Wohnhause befindet sich der Garten, der nach dem See hin in sumpfiges Rohrdickicht übergeht. Der nördliche Schenkel wird von einem Bache mit sumpfigen Ufern gebildet; über den Bach führt an der Nordostseite des Hofes eine Brücke oberhalb einer kleinen Mühle. Zur Aufstauung des Mühlenwassers dient ein kurzer Mühlendamm zwischen der Brücke und dem Hofe; beim ersten Anblick dieses Dammes konnte ich mich kaum enthalten, denselben für den Rest eines alten Burgwalles anzusehen: Nach dem Hofe hin liegt er nämlich in gleichem Niveau mit dem Hofe, dagegen nach Osten, nach dem See hin, hat er ganz das Ansehen eines alten Walles, auf dem man nach Scherben u.s.w. suchen müßte. Jetzt ist es freilich nur ein Mühlendamm, vielleicht aber alt oder aus den Resten einer alten Umwallung gebildet. Ueber diese Brücke führt der Eingang zum Hofe, wenn man von Penzlin kommt (pons ligneus transitum praebet, per quem tantum sacrificantibus aut responsa petentibus via conceditur. Adam).

Den andern, südlichen Dreieckschenkel habe ich aus Mangel an Zeit leider nicht untersuchen können; nach der großen Schmettau’schen Karte scheint sich dort vom Bache nach dem See hin ebenfalls eine früher vielleicht sumpfige Niederung hinzuziehen. An der Spitze des Dreiecks im Westen führt von dem Hofe ein Weg nach Ziplow; dies würde die zweite, von Thietmar erwähnte Hauptpforte sein. Ein dritter Ausgang vom Hofe befindet sich in der Südostecke, der zu den Wiesen am See führt (tertia, quae orientem respicit et minima est, tramitem ad mare juxta positum et visu nimis horribile monstrat. Thietmar), von denen aus man den See seiner Länge nach überblicken kann, während vom Hofe selbst und in der Gegend der Brücke wegen des Röhrichts und der vorliegenden Fischerinsel nur wenig vom See zu sehen ist, höchstens kann man ihn stellenweise seiner Breite nach überblicken. An der Südseite des Sees dagegen wird der Wellenschlag bei nördlichen Winden jedenfalls stärker sein (visu nimis horribile). Den lacus profundus, in dessen Mitte nach Adam Rethra lag, muß man daher mit „tiefem Sumpf“ übersetzen, während Thietmar’s mare der See selbst ist.

Leider mußte ich mir versagen, speciellere Nachforschungen anzustellen; der größte Theil des Nachmittags war mit Untersuchung der Insel verstrichen, und ich hatte noch am Westufer des Sees den weiten Weg nach Neubrandenburg vor Abend zurückzulegen.

Willebrand, Heinrich Wilhelm Hermann: Rethra, in: Jahrbücher des Vereins für meklenburgische Geschichte und Alterthumskunde, 44. Jahrgang, Schwerin 1879 S. 37-39

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