Gustav Oesten: Forschungen nach den Ueberresten von Rethra (1885)


Gustav Oesten: Forschungen nach den Ueberresten von Rethra (PDF)

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(1) Hr. G. Oesten überreicht einen Bericht über seine, in diesem Sommer unternommenen Forschungen nach den Ueberresten von

 Rethra.

In der Frage der Auffindung des alten Rethra kann ich über einige örtliche Untersuchungen und Aufgrabungen berichten, welche vielleicht geeignet sind, die Angelegenheit in ein neues Stadium zu führen, insofern sie dazu dienen dürften, den weiteren Nachforschungen eine neue und bestimmte Richtung zu geben.

Im vorigen Jahre (Verh. 1884 S. 492) hatte ich die Dusterförder Wallanlagen und ihren Zusammenhang mit dem Grenzwall zwischen Crüselin- und Dreetz-See und mit der von Beyer im 37. Bande der mecklenburgischen Jahrbücher beschriebenen östlichen alten Landwehr des Redarier-Landes nachgewiesen, wodurch die Zugehörigkeit des Feldberg-Carwitzer Seengebiets zu dem letzteren ausser Zweifel gestellt erscheint. Die Aufgrabungen, die ich in den Jahren 1882 und 83 im Carwitzer Gebiet vorgenommen habe, bestätigen zwar die frühere Wahrnehmung, dass die Inseln zur Wendenzeit stark besiedelt gewesen sein müssen, sie haben aber keinen Anhalt dafür ergeben, dass das Heiligthum Rethra hier belegen gewesen ist. Es hat sich vielmehr herausgestellt, dass die wendischen Ansiedlungen ihrer Hauptausdehnung nach auf dem festen Lande an den Ufern des Carwitzer Sees und zwischen diesem und dem Lucin-See sich ausgebreitet haben, sowie dass die alte Brücke (Jahrg. 1881 d. ethn. Zeitschr. S. 269), welche eine alte Strasse gebildet hat, den Zug einer solchen bezeichnet. Auf dem Gänsewerder, der kleinsten und flachsten der Inseln, fand ich unter der Rasendecke unzweifelhaft die Ueberreste der hier erforderlich gewesenen Strassenbefestigung durch Pflastersteine. Ueberreste der alten Strasse sind ferner am Ufer des Lucin beim Uebergang derselben über den, den letzteren mit dem Carwitzer See verbindenden Bach erkennbar. Hier geht die Strasse – zum fünften Male einen Wasserarm überschreitend – auf das rechte Ufer des Lucin über.

Die Vermuthung drängt sich auf, dass sie nach dem nahen Feldberg geführt, den Zugang dorthin gebildet habe. Bemerkenswerth ist hierbei, dass, wie ein Blick auf die Karte lehrt, der Burgwall Schlossberg den Zugang zu Feldberg im Nordosten beherrscht, wie Carwitz von Südosten. Der vorhistorische Charakter der Brücke erscheint durch den Umstand gewährleistet, dass historische Documente von ihrer Existenz nichts wissen. Die älteste Karte dieser Gegend, die Aufnahme von Tilemann Stella vom Jahre 1575, welche sämmtliche Wege und Strassen derselben nachweist, enthält keine Andeutung der Brücke oder einer zu derselben führenden Strasse.

Wenn nun auch die Vermuthung fortfällt, dass auf den Carwitzer Inseln selbst das Rethra-Heiligthum gelegen haben könnte, so bleibt doch die einer besonderen Bedeutung der Brückenstrasse für die Wendenzeit bestehen; jedenfalls bildete sie einen besonders festen und leicht zu vertheidigenden Zugang zu dem angrenzenden Theil des Redarier-Gaues.

Ich habe nun meine Nachforschungen nach wendischen Culturresten auf die Halbinsel Feldberg gerichtet.

Die ersten Aufgrabungen ergaben ein negatives Resultat; sie fanden auf den Kuppen der Halbinsel statt. Hier fand sich überall in geringer Tiefe der Urboden und keine Culturschicht. Hr. Virchow hat im Jahre 1884 hier auf den Haupthügel in geringer Tiefe Reihengräber aufgedeckt, welche er einem Pest- oder Seuchen-Kirchhof der neueren Zeit zuschreibt. Weitere Aufgrabungen in diesem Jahre haben überzeugend dargethan, dass überall auf den Höhen die Reste der alten Zeit abgeschwemmt sind, dass man jedoch auf tiefe, stellenweise mächtige Culturschichten stösst, wenn man am Fusse der Anhöhen und in den Niederungen einschlägt, dass die Oberfläche der slavischen Cultur fast durchweg sehr tief liegt und von einer starken Schicht mittelalterlicher Reste überdeckt ist. Eine Anzahl kleiner, aber möglich systematisch betriebener Aufgrabungen hat mich zugleich zu der Erkenntniss geführt, dass die geographische Gestaltung der jetzigen Halbinsel Feldberg wesentlich von der Form der zur Wendenzeit vorhandenen Inselbildung abweicht. Grosse Flächen des jetzigen Terrains sind durch Auf- und Anschüttungen, durch Ansammlung von Culturresten aus der Wasserfläche gewissermaassen herangewachsen, während gleichwohl die absolute Höhe des jetzigen Wasserspiegels die desjenigen zur Wendenzeit zu übertreffen scheint.

Wenn man bedenkt, dass die Halbinsel, besser Insel Feldberg, seit der ältesten Zeit stark besiedelt gewesen ist, welche Mengen an Materialien der verschiedensten Art: Holz und Bausteine, Geschirr und Gebrauchsgegenstände, Nahrungsmittel u.s.w. die Bewohner im Laufe der Jahrhunderte auf das wasserumgrenzte Gebiet geschleppt haben, deren Ueberreste dort verblieben sind, während eine Wiederausfuhr nur im geringsten Maasse stattgefunden haben kann, so wird man die Ausdehnung der thatsächlich vorgegangenen Verlandung erklärlich finden.

Ich habe eine Specialkarte der Halbinsel angefertigt, in welche ich die Lage und Resultate der einzelnen Aufgrabungen eintrage; die letzteren sind kurz folgende: Aufgrabung 1-4 auf dem sogenannten Werder im östlichen Theil, im Wesentlichen übereinstimmend; 15-20 cm schwach humose Ackererde, 20 cm aufgeschlemmter kiesiger Sand, 1-1,2 m schwarze Erde, mit Kohle, Knochen, oben mittelalterlichen, unten wendischen Topfscherben – Eisen.

Aufgrabung 5 auf dem Werder im westlichen Theil. Hier fand sich ein Fundament aus 1-2 Centner schweren Granit-Feldsteinen in Lehmmörtel gesetzt, etwa 4 m lang und breit. Innerhalb und unterhalb desselben kamen Fundstücke der verschiedensten Zeiten zum Vorschein, als das älteste ein schön geschliffener Feuersteinmeissel; derselbe war in dem Lehmmörtel des Mauerwerks mit vermauert. Ferner ein wendischer neunzinkiger Knochenkamm, eine eiserne Bogen-Pfeilspitze, mehrere eiserne Messer, 4 eiserne Armbrust-Pfeilspitzen, andere Eisentheile, Theile des verzierten Knochenbelags eines Armbrustschafts, 2 Rücken mittelalterlicher Bronzen, Gefässscherben aus der mittelalterlichen und wendischen Zeit, Knochen, Kohle u.s.w. Die Culturschicht reichte bis 2 m unter Terrainoberfläche.

In Aufgrabung 6 und 7 fand sich eine Culturschicht von 1-1,5 m, bei 7 die Stücke eines grobkörnigen wendischen Gefässes mit Wellenlinienverzierung und kreisförmigem Stempel auf der Bodenfläche, ziemlich vollständig.

Die Aufgrabung 8 im Garten des Fischerei-Pächters Saefkow ergab von oben nach unten: 30 cm Gartenerde, 50 cm schwarze Culturschicht mit mittelalterlichen Resten, 5 cm Ufersand, horizontal gelagert, einen vorübergehend höheren Wasserstand des Sees bezeichnend, vielleicht den historischen in der Mitte des 16. Jahrhunderts, – alsdann 40 cm schwarze Culturschicht mit Knochen und älteren Scherben, den jetzigen Grundwasserstand, und schliesslich 25 cm mit Holz stark vermischter Culturschicht, darunter ein zugespitztes Pfahlstück, ein Stück Bohle, mehrere Dauben eines zierlichen Holzgefässes von geringer Wandstärke und ein grösserer Holzbalken, welcher in seiner Lage belassen worden ist. Die zu Tage geförderten Holzstücke zersprangen beim Trocknen an der Luft durch Kreuz- und Querrisse in formlose Stücke. Der gewachsene Boden lag 25-30 cm tiefer, als die gegenwärtige Wasserlinie.

Die Aufgrabungen 14, 15 und 16 in den Gärten des Amtsverwalters Seyberlich und des Landreiters Godenschweyer wurden bis 2,5, bezw. 3 m tief und davon 1-1,5 m unter dem Seewasserspiegel, zuerst in schwarzen, Knochen, Kohlen und Scherben enthaltenden Schichten, dann durch solche, welche wieder viel Holz enthielten, hinuntergeführt; der natürliche Boden wurde nicht erreicht. Das Holz war, soviel ich unterscheiden konnte, von Erlen, Kiefern, Buchen und Eichen und bestand zum Theil aus Abfällen und kleinen Zweigen, zum Theil aus grösseren balkenartigen Stücken; letztere waren aber meistens so mürbe, dass sie sich, wie der Boden, mit dem Spaten abstechen liessen. In 15 ist ein stärkerer und festerer Balken bei 2 m Tiefe unter Oberfläche neben einer Steinsetzung liegen geblieben; bei der letzteren fand sich ein grösseres Gefäss-Randstück mit eigenartiger Profilierung. Dieselbe ist durch Umkippung des Randes so gebildet, dass dieser mit der Gefässwandung einen Hohlraum einschliesst, durch welchen sich etwa eine Schnur ziehen lassen würde. Das Gefäss ist auf der Töpferscheibe angefertigt.

Die Aufgrabungen 8, 14, 15 und 16 liefern den Beweis, dass ein grosser Theil der jetzt am Werder liegenden Gärten in vorgeschichtlicher Zeit Wasserfläche gewesen ist und dass die Halbinsel Feldberg aus zwei Landtheilen bestanden hat, die nur durch eine schmale Landenge und zwar östlich von 14, 15, 16, wo der Urboden beim ersten Spatenstich zum Vorschein kommt, verbunden waren.

Die Aufgrabungen 9 und 10 auf dem Amtshof und in dem Amtsgarten haben dargethan, dass auch hier der Wasserspiegel höher liegt, als der Urboden, und dass die Terrains durch Anschüttung zum Theil während des Mittelalters, zum Theil erst in der Neuzeit entstanden sind. Die Aufgrabung 10 in der Nähe des mittelalterlichen Thurmrestes zeigte, dass der Burgthurm einst unmittelbar am Ufer errichtet worden ist, während derselbe jetzt etwa 30 m vom Wasser entfernt liegt.

Die Grabungen 11 und 12 am nördlichen Hange des Amtshügels ergaben weniger mittelalterliche, dagegen mehr wendische Topfscherben, Knochen und Horn. 12 enthielt sehr viel Kohle und Branderde in verschiedenen Schichten und endete in 1,5 m Tiefe auf einem grossen flachen, gespaltenen Stein, der zu Tage gefördert wurde.

Aufgrabung 13, am westlichen Hange des Amtshügels, etwa 10 m von der Freitreppe des Hauses beginnend, ergab schwarzen, schichtenweise gelagerten, vorwiegend mittelalterlichen Culturschutt bis unter den Wasserstand. In dem Niveau desselben, 2,85 m von der Oberfläche, fand sich ein starker eichener Pfahl, bis zur Wasserlinie abgewittert, unter derselben aber derb, fest im Boden steckend, von etwa 20 cm Stärke an dem obersten verwitterten Ende. Es gelang nicht, mit den vorhandenen Werkzeugen und Arbeitskräften tiefer in den Boden einzudringen. Die Stelle des Pfahls ist aber durch eine daraufgesetzte, bis zur Bodenoberfläche reichenden Stange markirt und ausserdem durch Messung festgelegt worden, so dass derselbe jederzeit leicht wieder freigelegt werden kann. Dieser Pfahl lässt sich nur als Pfosten einer Brücke deuten, welche die damalige Amtsinsel mit der Hauptinsel Feldberg verbunden haben mag. Wenn diese Annahme richtig ist, so müssen sich natürlich noch mehr Brückenpfähle vorfinden, das Terrain von dem Amtshause bis zum Thor am Marktplatz muss angeschüttet sein. Sollte der gefundene Pfahl der letzte am Ufer der Halbinsel sein, so wird man den ersten etwa am Eingang zum Amtshof suchen und finden müssen. Die hier demnächst vorgenommenen Aufgrabungen 17 und 18 haben in der That ebenfalls Aufschüttung bis unter die Wasserlinie constatirt. In der Höhe derselben stiess der Spaten auf den gesuchten eichenen Pfahl. Es gelang, denselben etwa 0,4 m lang frei zu machen und festzustellen, dass er vierkantig behauen, 25 cm stark ist und die Kanten gebrochen sind. Vor Auffindung des Pfostens wurden ebenfalls unter Wasserlinie 2 Stück eichene Klötze, Abschnitten gleich, wie solche abfallen, wenn der Zimmermann Hölzer zu einem Bau passrecht zuschneidet, zu Tage gefördert. Die Lage dieses zweiten eichenen Pfahls ist ebenfalls durch Kartirung gesichert worden. Die Bestimmung und Aufsuchung der übrigen Pfähle der Brücke kann nunmehr Schwierigkeiten nicht mehr bieten. Die Richtung derselben ist genau von Westen nach Osten.

Oesten, Gustav: Rethra, Ausserordentliche Sitzung vom 25. October 1885, in: Zeitschrift für Ethnologie, 17. Jahrgang, 1885 (S. 463-466)

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