Alfred G. Meyer: Bericht über die während der Pfingstferien nach Feldberg in Meklenburg gerichtete Excursion (1882)


Alfred G. Meyer: Bericht über die während der Pfingstferien nach Feldberg in Meklenburg gerichtete Excursion (PDF)

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(7) Hr. Friedel überreicht den Bericht über die während der Pfingstferien nach Feldberg in Meklenburg gerichtete Excursion.

1. Bericht des Dr. Alfred G. Meyer. Nach Feldberg i. M., wohin die anthropologische Gesellschaft ihre vorjährige Excursion gerichtet hatte (cf. Verh. 1881, S. 267 ff.), ist in den Pfingsttagen vom 27.-30. Mai ein zweiter Ausflugvon Berlin aus unternommen worden. Auf Anlass und im Verein mit Hrn. Direktor Oesten hatte Hr. Stadtrath Friedel die Fahrt in Aussicht genommen, dem sich die Herren Dr. Voss und Alfieri und von den vorjährigen Theilnehmern Hr. Krause und der Berichterstatter anschlossen. Da die Abreise schon am Pfingstsonnabend stattfand, so blieben die zwei Feiertage vollständig für die Besichtigung der Umgegend von Feldberg und Carwitz disponibel. Dem Programm nach galt es auch diesmal mehr, eine allgemeine Orientirung zu gewinnen, als specielle Arbeiten vorzunehmen.

Am ersten Feiertage wurde morgens in Booten die Fahrt vom Feldbergersee (Haussee) durch den Durchlass in den kleinen und von da in den grossen Lucin unternommen (cf. Karte in den Verh. 1880, S. 309) und bei der Lichtenberger Ziegelei angelegt. Die in dem dahinter gelegenen Walde befindlichen Kegelgräber wurden aufgesucht und speciell das am 11. Juni 1881 in später Abendstunde angebrochene noch in demselben nicht völlig geöffneten Zustande angetroffen, in dem es s. Z. gelassen werden musste. Aschenschichten, Kohlen und einige Scherben lagen noch an Ort und Stelle. Für eine Aufnahme der Arbeiten war der erste Pfingsttag nicht geeignet. Es wurde daher als zweiter Punkt der Mönchswerder besucht, eine einige Meter ansteigende Halbinsel östlich von der Ziegelei, welche wegen der Ungunst der Witterung bei der ersten Partie nicht berührt war. Hier ist auf der Westseite die s. Z. von Hrn. Friedel vorgelegte Büchse aus Bronze mit 5 goldenen Spiralringen gefunden worden (cf. Verh. 1880, S. 308 u. Abbildg.). Die Umgebung dieser Fundstätte, die bestellt war, zeigte bei flüchtiger Betrachtung vereinzelte Scherben, zahlreicher waren dieselben auf der Ostseite der Halbinsel, wo auch mehrere Reste geschlagener Feuersteine und ein schön gearbeiteter Hohl-Meissel aus Feuerstein, rügenscher Typus, den Hr. Friedel fand, zu Tage lagen. – Gegen Mittag ging es zu Wasser nach dem Schlossberg mit dem Burgwall an der Südwestseite des Lucin, der von der Seeseite sich stattlich erhebt und nach der Landseite durch einen Vorwall gedeckt ist. Auch hier lagen vielfach Scherben mit und ohne Verzierungen, und zwar von ausgeprägt slavischem Typus, auf der Oberfläche des Bodens; bei Nachgrabungen zeigten sich vielfach Feuerstellen.

Der übrige Theil des ersten Tages gehörte der Besichtigung der landschaftlichen Reize Feldbergs, die sich mit ihrem Reichtum an Seen, deren durchsichtiges Gewässer alle alpinen Färbungen aufweist, und ihren anmuthigen, grösstentheils bewachsenen Uferketten bei dem herrlichen Pfingstwetter weit verführerischer präsentirten, als in den Regen- und Nebeltagen des vorjährigen Juni. Ein Spaziergang, der am Spätnachmittag von den Reiherbergen aus, die in verhältnissmässig stattlicher Höhe die Westseite des Haussees begrenzen, durch die schönen Laubwaldungen unternommen wurde, liess nebenbei den Reichthum an Geschieben, die ja südlich von Feldberg in einer Moräne besonders mächtig hervortreten, auch in diesem Theile der Gegend erkennen. Eine Schlucht, neuerdings von den Feldbergern „Wolfsschlucht“ benamset, ist mit grossen Geschiebeblöcken, die zum Theil Gletscherschrammen und Gletscherschliffe aufweisen, angefüllt.

Der Vormittag des zweiten Tages war wieder dem Terrain am Carwitzer See bestimmt. Ausser den Feldberger Herrschaften schloss sich auch der eifrige Sammler, Kammerherr von Borck auf Möllenbeck bei Feldberg, den Ausflügen dieses Tages an. Der Weg führte über die Moräne, in südöstlicher Richtung von Feldberg, vom „Fischersteig“ aus zu dem schmalen Lucin, dessen landschaftliche Schönheit allen übrigen Partieen die Krone aufsetzt, von da zum Wartebergmit der Uebersicht über die Inseln des Carwitzer Sees, dann nach Dorf Carwitz hinein, nachdem auf einem vor Carwitz links vom Wege belegenen Hügel umfassende, anscheinend künstliche Steinsetzungen ohne Mörtelverband besichtigt worden waren. Bei Carwitz wird, wie bekannt, von Hrn. Oesten die Stelle der alten Rethra vermuthet, besonders auf den drei Inseln Küsterwerder (auch Jägerwerder genannt), Steinwerder und Bullenwerder (cf. Karte in d. Verh. 1881, S. 269). Der erstgenannten Insel zunächst liegt ein als Hanow bezeichneter Theil des Festlandes. Dort, wie auf dem Hauswerder, früher Wonwerder, waren schon früher von Hrn. Oesten viele Scherben gefunden worden; einiges Graben ergab denn auch eine tiefe Kulturschicht mit ziemlich reicher Ausbeute von Topfscherben und Knochenresten. Auch sonst verrieth der Boden an verschiedenen Stellen starke Beimischung von Asche. Gehenkelte Topfreste deuteten, neben zweifellos wendischen Stücken, auf vorslavische Bevölkerung.

Bei der Excursion im Juni 1881 war der Küsterwerder nicht besucht, auf dem Steinwerder bei einem vereinzelten Versuch nichts gefunden worden; die Grabungen auf dem Bullenwerder, wo Hr. Oesten den Tempel selbst (den 3. Theil der ganzen Anlage nach Thietmar), vermuthet, hatten einige Scherben, Knochen, auch etwas Eisen ergeben, aber keine Culturschicht. Diesmal ist auf allen drei Inseln gegraben worden. Der Küsterwerder ist die niedrigste derselben; hier wurde in einer Höhe von ca. 1,10 m über der Seefläche eine ca. 80 cm dicke, an Kohle, Asche, Scherben, Knochen ausgiebige Culturschicht, welche auf lange Besiedelung deutet, aufgedeckt, in einiger Entfernung von ihr eine zweite von 75 cm Dicke, wonächst gewachsener Boden erreicht ward; Scherben und Knochen wurden dabei in ziemlicher Menge gefunden. – Der Steinwerder ist beträchtlich höher. Hier wurde eine Stelle, die wohl 3 m über dem See lag, aufgedeckt; nachdem ca. 12 cm Ackererde resp. Boden ohne Culturanzeichen weggestochen waren, wurde eine ca. 60 cm tiefe schwarze Schicht blosgelegt; wieder fanden sich Reste obengenannter Art, ausserdem wurde auf dieser Insel neben anderen Feuersteinsplittern eine kleine, ganz vortrefflich gearbeitete Feuersteinsäge von Hrn. Alfieri aufgelesen. An einer anderen Stelle der Insel wollte Hr. Alfieri auf eine künstliche Steinlage gestoßen sein; zu genauerer Untersuchung fehlte die Zeit. – Die Grabungen auf dem Bullenwerder ergaben, wie im vorigen Jahre, weder auf dem höheren Osttheil, noch auf dem niedrigeren, durch einen Sumpf geschiedenen Westtheil eine Culturschicht, dagegen wurden auch hier zahlreiche Scherben gesammelt, darunter mehrere Topfreste mit Henkeln. Sonach sind auch die hier gefundenen Geräthreste nicht alle slavischen, ein Theil vielmehr germanischen Ursprungs.

Die Existenz einer ausgedehnteren Ansiedlung in prähistorischer Zeit wird für diese Gegend nunmehr zugegeben werden können; die weitere Frage, ob Rethra an dieser Stelle gelegen habe, ist durch dieses Ergebnis freilich keineswegs bejahend erledigt. Die von mir (Verh. 1881, S. 275) aufgestellten Bedenken haben nur insofern eine Modification erfahren, als die gefundenen Culturreste zu immer neuen weiteren Untersuchungen anspornen und bei fortgesetzten Resultaten möglichenfalls schliesslich doch noch, soweit hier von Gewissheit überhaupt die Rede sein kann, zu Gunsten der Oesten’schen Hypothese in’s Gewicht fallen mögen. Ob auf dem Küster- oder Steinwerder die Wohnstätten der zur Tempelburg Gehörigen gelegen haben und ob die Bodenbeschaffenheit des Bullenwerders, der Mangel einer Culturschicht, gerade dafür spricht, dass hier das Heiligthum gestanden habe, dessen verbrannten Holzreste leicht fortgespült sein könnten, ist billiger Weise einem späteren Stadium der Untersuchung zu überlassen. Diese wird insbesondere, wie Hr. Oesten schon angeregt und begonnen hat, ihre Aufmerksamkeit auch dem benachbarten Festlande, so dem Haus- oder Wonwerder, zuwenden müssen.

Der Rückweg führte über den, zwischen dem Zanzen und dem kleinen Lucin im Walde gelegenen Hünenkirchhof, dessen in trocknem Erdverbande gesetzte gewaltige hufeisenförmige Steinumwallung auffällig genug ist; grosse Steinplatten innerhalb derselben geben auch dieser Stätte eine anthropologische Bedeutung. Zwei mahltrogähnliche Blöcke wurden in der Nähe liegend von Hrn. Friedel bemerkt.

Am Nachmittag wurde ein Ausflug zu Wagen in südwestlicher Richtung von Feldberg über Lüttenhagen zu den Grabhügeln gemacht, die südlich von Koldenhof sich befinden. Die Zahl der im Walde zerstreuten Gräber soll an 200 betragen. Eines ist vor Jahren geöffnet, zwei andere durch Hrn. Oesten vor kürzerer Zeit. Liegengebliebene Scherben wurden hier für das Märk. Museum mitgenommen. Es ergab sich, und die geöffneten Gräber liessen es leicht noch erkennen, dass natürliche Bodenerhöhungen benutzt waren, um Steinkisten in ihnen zu errichten, die mit kleineren Steinen bedeckt wurden. Die Ausbeute der früheren Gräber bestand in Urnen mit Knochenresten und Beigaben, besonders Bronzen (cf. Verh. 1880, S. 312 u. Abbildg.).

So hat auch dieser zweite Ausflug nach Feldberg den Reichthum der Gegend an prähistorischen Resten klargelegt. In Feldberg selbst ist der Anfang einer kleinen Sammlung gemacht worden, im Gasthaus von Plümecke befindet sich ein Schrank mit den bisher gesammelten Schätzen.

Mit welcher Liebenswürdigkeit die Feldberger Damen und Herren auch diesmal wieder den Anthropologen entgegen kamen, bedarf für die Theilnehmer der ersten Partie keiner besonderen Versicherung. Zur Vervollständigung des Berichtes durfte aber auch diese anthropologische Thatsache nicht unerwähnt bleiben.

2. Hr. Friedel bemerkt, dass zu dem geöffneten Steinkistengrab bei der Kiesgrube wiederum jene röthlichen Geschiebeplatten gewählt sind, welche unsere Altvorderen in Norddeutschland so gern für gleiche Zwecke benutzt haben, beispielsweise für das Steinkistengrab „das Riesengrab“ zu Klein-Rietz bei Fürstenwalde, aus welchem die merkwürdigen und seltenen Urnen mit eingedrückten Verzierungen Cat. Nr. II, 7031-36 des Märkischen Museums stammen. Die Construction der Steinkiste entsprach dem Steinkistengrab aus der Buchholzer Koppel bei Prenzlau, aus dem die Urnen Cat. II, Nr. 10368-75 des Märkischen Museums stammen, und dem Steinkistengrab bei Alt-Rüdnitz in der Neumark, welches gelegentlich der Frühjahrsexcursion des Märkischen Museums am 4. Juni d. J. untersucht wurde.

Der Vormittag des 30. Mai wurde der Untersuchung des grossartigen Gletschermoränen-Walles gewidmet, welcher sich südlich von Feldberg zwischen diesem Städtchen und dem Dorf Neuhof auf der Höhe in der Richtung von Nordost nach Südwest hinzieht, einem riesenhaften Längswall von äusserst regelmässiger, fast künstlich erscheinender Form vergleichbar, zumeist aus grossen Felsblöcken bestehend, eines der deutlichsten und unzweifelhaften Zeugnisse der Naturgewalten während der Vergletscherung Norddeutschlands.

3. Hr. Oesten: Der Einladung des Hrn. Friedel entsprechend, schliesse ich ein Verzeichnis der kleinen Alterthümersammlung an, welche der Feldberger Alterthums-Verein bis jetzt nach etwa einjähriger Thätigkeit zusammengebracht hat.

 

Ueber die auf dem Steinwerder gefunden vermeintliche Säge von Feuerstein möchte ich mir einige technische Bemerkungen erlauben.

Dieses kleine Werkzeug scheint mir zweifellos keine Säge, sondern etwas anderes zu sein. Gegen seine Bestimmung bezw. Brauchbarkeit als Säge spricht vor Allem der Umstand, dass die Zahnlinie in der Horizontal-Projection eine Curve darstellt.

Man würde mit dem Instrument nur Stücke von sehr geringer Breite durchsägen können und auch dann nur einen unvollkommenen Schnitt erzielen. Sehr gering dürfte auch nur die Dicke des zu durchsägenden Stückes sein, da der Mangel einer Schränkung der Zähne und die schnell zunehmende Dicke des Steins von den Zähnen an das Eindringen desselben in den Schnitt nicht gestatten würden. Ferner könnten bei der Anwendung als Säge der Zahn am Ende des Steins und auch sein Nachbar noch nicht zur Wirkung kommen, dieselben waren mithin zwecklos. Die Zähne selbst sind sorgfältig bogenförmig ausgearbeitet und von einer Flachseite zugeschärft, also sehr wenig zum Sägen geeignet.

Das Stück ist zum Sägen überhaupt unhandlich anzufassen. Dagegen eignet es sich (angefeuchtet) vortrefflich, die umlaufende Rillenverzierung der Gefässe, wie sie an vielen der gefundenen Scherben vorhanden ist, einzustreichen. Die bogenförmigen Vorsprünge entsprechen fast genau den Rillen einiger der gefundenen Scherben. Diese Rillen sind ihrer äquidistanten Lage nach mit einer Schablone in die weiche Thonmasse eingestrichen. Es ist hierzu ein geeigneteres Material als Feuerstein hier kaum vorhanden, da jedes Metall oder

Holz auf den dem Thon beigemengten Quarz- oder Feldspath-Körnern sich bald abschleifen müsste, Feuerstein aber nicht angegriffen wird.

Es ist ein zweiter Feuersteinsplitter von auffallender Form auf dem Steinwerder gefunden; derselbe enthält nur eine convexe aber sorgfältig ausgearbeitete Ausbogung, mit welcher man als Schablone sehr schön einen Wulst an einem Thongefässe herausstreichen kann. Ich halte daher beide Feuersteine für Töpfer-Werkzeuge.

4. Hr. Friedel schliesst sich dieser Ansicht des Hrn. Oesten, nachdem er Versuche mit dem sägenartigen Instrument in Feuerstein an Thonklumpen gemacht, bezüglich desselben durchaus an.

Meyer, Alfred G.; Oesten, Gustav; Friedel, Ernst: Bericht über die während der Pfingstferien nach Feldberg in Meklenburg gerichtete Excursion, in: Zeitschrift für Ethnologie, Jahrgang 14, 1882 Sitzung am 15. Juli 1882

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