Friedrich Wigger: 4. Redarier


Friedrich Wigger: 4. Redarier. (PDF)

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4. Redarier. – Diesen Wilzenstamm nennt zuerst eine Urk. König Ottos 936: Riadri (p. 28), ihr Land Radewer die Havelberger Urk. vom J. 946. – Die Namensformen schwanken sehr. In Urk. lesen wir: Riadri p. 28, Riedere p. 36 (39), Redares p. 36 (37); die letzte Form behält Widukind aus des Kaisers Brief bei, schreibt sonst aber selbst Redarii (p. 26. 34. 38.); bei Thietmar heissen sie Rederarii p. 54, und p. 57 wird der pagus Riedirierun genannt; Adam schreibt (p. 82. 88) Retheri, Rederi, in dem Schol. 17 (p. 88) findet man Retharii und Rehtarii, bei Helmold I 2: Redarii, Redari (Rederi?), I 21 (p. 83) Riaduri. – Der Name ihrer Hauptstadt ist Rethre, Rethra. Schafarik[1] glaubt, sie habe eigentlich Ratara (von rat = bellum) d.h. Kriegstempel geheissen. Allerdings sagen Deutsche auch Riedegost (p. 57) statt Radegast, wie Ortsnamen lauten, in der böhm. Mater verb. p. 14 lesen wir Radihost; es scheint beachtenswerth, dass Adam Redigast und Rethre (p. 88) schreibt, Thietmar Riedegost und Riedir (p. 57), also jeder beide Namen mit gleichem Vocal.

Die Wohnsitze der Redarier hat Lisch[2], und nach ihm F. Boll erörtert. Der Brodaer Stiftungsbrief gibt: In Raduir Podulin (Podewal??), Tribinowe, Wigon (Feldmark Neubrandenburg), Cussowe (Küssow), Tuardulin (Warlin), Dobre, Step (Feldmark Neubrandenburg), Rovene (Rowa bei Stargard), Priulbiz (Prilwitz), Nicakowe, Malke, Kamino (südlich von Stargard), Lang, Ribike, Tsaple (Riepke und Zapel zwischen Kammin und Stargard), Nimyrow (Nemerow), Stargard. Die darangeschlossene Gruppe: et Lipiz ist oben (p. 119 a) dem Lande Tolenze zugerechnet. Man hat nun freilich Rethra in älterer Zeit in Kostal (Adamsdorf) vermuthet, und Lisch hat neuerdings eine Beziehung von Chotibanz und Costal (kostel = Tempel) auf Rethra angenommen;[3] doch steht dem entgegen, dass Kostal (Adamsdorf) nach der oben angeführten Urk. v. 1274 über die Ausdehnung des Landes Wustrow (oder Penzlin) noch nördlich von Langhagen, dem südlichsten der genannten wustrowschen Orte, also innerhalb des Landes Wustrow lag.[4]

Die Ausdehnung des Landes Raduir lässt sich im übrigen unschwer bestimmen; alle oben genannten Orte lagen in dem späteren (schon 1236 so genannten) Lande Stargard, das seinen Namen von der gleichnamigen Burg trägt. Ferner war der Radewer das südöstlichste Gebiet des havelbergischen Sprengels; und das benachbarte Ukerland, die Länder Lychen und Fürstenberg gehörten zum Bisthum Brandenburg.[5] Als im Norden der Havelberger Bischof die an der Peene belegenen Provinzen an den Camminer Bischof verlor, verblieb ihm der Raduir,[6] d.h. das Land Stargard mit Einschluss von Beseritz,[7] nach der heutigen Landesgrenze. Ueberdies stimmen hiezu natürliche Grenzen,[8] im Norden und im Osten tiefe Wiesenthäler und Gewässer südwärts bis zum Lucin- und Haus-See bei Feldberg, das selbst schon zum Brandenburger Sprengel gehörte, also nicht mehr in Raduir lag.[9] Weiter erkennt man die Grenze bis zum Weisdiner See daran, dass sich hier fruchtbares Hügelland merklich von dem benachbarten Heideland scheidet. Auf „der Heide,“ die zum Lande Lychen gehörte, werden noch die Ortschaften Läven, Triepkendorf, Goldenbaum, Carpin genannt, Bergfeld und Schönfeld (am Rödliner See) lagen schon ausserhalb derselben. Die Seen bei Turow und Blumenhagen leiteten dann die Grenze weiter bis nach Prilwitz.

Ob man das Gebiet zwischen dem Weisdiner, dem Woblitz-See, der Havel, dem Drever See, der Seenkette östlich von Alt- und Neustrelitz bis zum See bei Turow als Zubehör zum Raduir oder als Theil des Tollenserlandes ansehen muss, ist zweifelhaft; vielleicht gehörte es mit zu den Gegenden, die dem Kloster Broda als 3. Reihe von Gütern geschenkt wurden,[10] und würde dann am besten zum Tollensergebiete zu rechnen sein.

Von Prilwitz an bildete nordwärts der See Tollense mit seinem gleichnamigen Abflusse eine starke natürliche Grenze.

Friedrich Wigger: 4. Redarier, in: Mecklenburgische Annalen bis zum Jahre 1066. Eine chronologisch geordnete Quellensammlung mit Anmerkungen und Abhandlungen, § 8 Die mecklenburgischen Wilzen, Verlag von August Hildebrand, Schwerin 1860 S. 119-120

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[1]    II 58f.

[2]    Mkl. Jb. III 1 ff. – Boll, Gesch v. Starg. I, 1 f.

[3]    Mkl. Jb. XXIII p. 28. 31.

[4]    Nimmt man in der Brodaschen Urk. Lipiz für ein Gebiet, das um Liepen lag, wie v. Raumer (histor. Karten und Stammtafeln p. 20 a) und E. Boll (Archiv für Landeskunde 1853 p. 35), so gilt dasselbe. Denn Liepen liegt in der terra Wustrow. – Deuten die Namen Kostal und Chotibanz auf eine Tempelstätte, so haben wir gewiss an ein Heiligthum der Tolenzer zu denken.

[5]    S. den Excurs „zur Missionsgesch.“ § 3 a.E.

[6]    Propstei zu Friedland. Boll Gesch. v. Starg. I 180.

[7]    Die terra Bezeriz kam 1236 mit der terra Stargard von Pommern an die Markgrafen (Riedel II 1, 17), das in Beseritz belegene Dorf Neddemyn wird 1305 als in terra Stargardensi belegen angeführt. (Schröder, Pap. Mkl. I 889). Von Stargard in engerem Sinne ist es durch das Wiesenthal von Neubrandenburg bis Friedland getrennt und heisst noch jetzt „der Werder.“ Boll, Gesch. v. Stargard I 49.

[8]    Gut erörtert von F. Boll, Gesch. v. Starg. I 48.

[9]    Vgl. zur Missionsgesch. § 3 a. E.

[10]  So Lisch, Mkl. Jb. XXIII p. 29, und Boll, Gesch. v. Stargard I p. 182.

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