Franz Joachim Aepinus: Die Geschichte von Meklenburg für Jedermann (Ausschnitte)


Franz Joachim Aepinus: Die Geschichte von Meklenburg für Jedermann (Ausschnitte) (PDF)
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aus: Sechster Brief, S. 37-39:
Rhadegast. Er erweiterte seine Grenzen mit dem Lande der Rhedarier, und muste ein Wolthäter dieses Volks seyn. Vielleicht legte er Rhetra oder den Tempel daselbst an. Dies Volk wonete an der Müriz, und grenzte an die Ugerer und Tollenser. Die Letztern waren ein Stamm von den Rhedariern, zeichneten sich aber bald als ein eigen Volk aus. Unter beiden, besonders unter den Rhedariern, erwarb sich Rhadegast durch seine Tapferkeit, sein gutes Herz und seine Einsichten Liebe und Ehrfurcht; vielleicht auch den Namen, weil er vorher an dem Flusse Rhadegast seine Wonung kan gehabt haben. Da er seine Staaten eingerichtet hatte, übergab er die Regierung derselben dem Korsiko, und folgte dem Geschmak seiner Zeit, oder auch dem Rufe des Stiliko in Rom. Er überwand unnennbare Schwierigkeiten, und fiel mit den Herulern in die römischen Provinzen. War’s der Vandal Stiliko, welcher sich zu der hohen Ehrenstuffe hinauf geschwungen hatte, daß er ein Vormund des iungen R. Honorius ward, so wollte derselbe unter den vom Rhadegast in den Provinzen angerichteten Verwüstungen seine Treulosigkeit gegen den R. Honorius verbergen, mit welcher er dem Kaiser seine Krone rauben und sie seinem Sohne Eucharius aufsezzen wollte. Allein zu einer solchen schwarzen Handlung war Rhadegast unfähig; denn war er gleich ein Held, so war er doch ehrlich und scharfsichtig ohne Arglist. Stiliko bemerkte diesen Karakter bald. Daher streifte er in das Gebiet der Tugend hinüber, wie dies der Fall bei den Lasterhaften oft ist. Er zog die römischen Truppen zusammen, schlug den Rhadegast bei Florenz, nam ihn gefangen, ließ ihn hinrichten und die übrigen Gefangenen zu Sklaven verkaufen, gleich als sei er die einzige Stüzze des kaiserlichen Throns. Rhadegast war todt, doch sein Andenken verlosch nicht. Die Nachwelt redete laut von seinen Verdiensten, widmete ihm zur Erhaltung seines Namens eine feierliche Handlung, woraus nachmals seine Verehrung im Tempel zu Rhetra entstand. Die, welche unter ihm gedienet hatten, und der Gefangenschaft entronnen waren, sammleten sich wieder, gingen unter dem Godgesil nach Spanien, und verlieren sich hier aus unsrer Geschichte. …

aus: Achter Brief, S. 56-57:

Otto der Große zerstörte nach der Niederlage der Ranen Rethra und den Tempel daselbst. Dieser Ort war vier Tagereisen1 von Hamburg, und lag wahrscheinlich an der Müriz gegen Norden2. Es war ein höchst beträchtlicher Ort, welchen blos der Tempel merkwürdig machte3. Auch dieser war, wie die Stadt, nach Weise der Wenden elend erbauet, und ein Pantheon oder Ueberdachung verschiedener Gözzen. Er lag auf einer kleinen Insel nahe an dem Ufer eines grossen Sees, und eine hölzerne Brücke führte allein die Opferbringenden dahin. Andern war dieser Weg durch neun Thore versperret. Unter den Gözzen hatte Rhadegast den Vorzug. Er konte nicht anders, als die andern merkwürdigen Gözzen der Slaven, gearbeytet seyn, das ist, er war aus Holz plump ausgehauen. Sein äusserer Vorzug soll gewesen seyn, daß er mit Gold überzogen und auf Purpur hingelehnt war, welche Nachricht aber nur auf Hörsagen beruhet, und vielleicht eben so, wie die Sage von der grossen Herlichkeit der Stadt, in welcher wahrscheinlich bis ietzt niemand anders, als die zum Gözzendienst gehörige Personen gewonet hatten, erdichtet ist. Rhadegast hatte auf dem Kopfe einen Wasservogel, wie es scheinet, und auf der Brust ein Schild mit einem Stierkopf, als das Zeichen in der vormaligen Fahne des Helden Rhadegast. So wurde Rethra und der Tempel von dem K. Otto I. zerstöret, nachdem beide über fünfhundert Jahre gestanden, und die Schätze des Rhadegast, welcher nach etwa vier hundert Jahren sein Daseyn verlor, schenkte Otto dem Stifte Havelberg. Da Otto aber in Italien gegenwärtig seyn muste, so gab seine Abwesenheit den Slaven Gelegenheit, Stadt und Tempel wieder aufzubauen. Es ist nicht zu leugnen, daß sie nicht in ihrer letzten Periode, da Lunkin nicht wieder aufgebauet wurde, nach und nach zu mehrerem Ansehen angewachsen seyn sollte. Doch wuste man zu der Zeit von keinen Gebäuden, welche der Zeit trozten. Weder die Stadt noch der Tempel sind von Steinen aufgeführet gewesen.

Aepinus, Franz Joachim: Die Geschichte von Meklenburg für Jedermann in einer Folge von Briefen, Erster Teil, C.G.Korb, Herzoglicher Hofbuchdrucker, Neubrandenburg 1791, Sechster Brief S. 37-39 und Achter Brief S. 56-58

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1Nach Tagereisen berechnete man schon die Entfernung der Oerter von einander zur Zeit des Jul. Casars De bello Gall. Lib. VI.

2Andere sezzen ihn an die Tollensee hin, und erweitern die Ufer dieses Wassers.

3Otto ging wahrscheinlich von Magdeburg zwischen der Müritz und Tollensee durch, und ließ Rethra hinter sich, weil er von daher nichts befürchten durfte.

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