Anonymus (t): Ein Beytrag zur ältern Geschichte Mecklenburgs, und besonders über die Lage der Stadt Rethra, und des Tempels des Radegasts. I.


Anonymus (t): Ein Beytrag zur ältern Geschichte Mecklenburgs, und besonders über die Lage der Stadt Rethra, und des Tempel des Radegasts. I. (PDF)

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IV. Ein Beytrag

zur ältern Geschichte Mecklenburgs, und besonders über die Lage der Stadt Rethra, und des Tempels des Radegasts.

In der guten Absicht, immer mehr und mehr die Dunkelheiten über die Lage der Stadt Rethra und den Tempel des Radegasts zu zertheilen, setze ich mich hin, hierüber auch meine Gedanken meinen Landesleuten mitzutheilen.

Die Gelegenheit hiezu giebt mir die Abhandlung über den Tempel zu Rethra, welche im 10. u. 11. St. dies. Monatsschr. “v.u.f.Mecklenb.” zu lesen ist; in welcher der würdige Vf. zu glauben scheinet, daß Tempel und Stadt an und in der Müritz gelegen haben; wovon man sonsten allgemein angenommen, daß deren Lage nicht ferne von Prillwitz an und in der Tollensee gewesen ist.

Um sich von dieser Sache zu überzeugen, darf man nur 1) die vorige und itzige Lage und Beschaffenheit dieses Landsees in Mecklenburg und 2) die Lage des Landes der Rhedarier untersuchen; wo sich sodann ergeben muß, ob das Vorgeben des Vf. Grund hat.

Nach allen Nachrichten, die man von der Müritz hat, ist sie vor A.C. 1200 gewis so groß nicht gewesen, wie itzo; sondern das mehrste von dem See, wie er nun ist, ist Land gewesen.

Vor Alters hat die itzige Müritz aus 7 besondern Seen bestanden; und blos der See bei Wahrn, weil er der gröste gewesen ist, hat den Nahmen Müritz geführet. Die Verbindung zwischen diesen Seen hat die ursprüngliche Elde gemacht, die von der märkischen Gränze, Crummel, Garz, Vipperow ec. vorbei in die Eldenburg, und so weiter durch Coelpiner- und Plauersee gegangen ist.

Bei Vipperow hat dieses laufende Wasser den Nahmen, Mesen- (Mewen-) Graben geführt; worüber man vermittelst einer Brücke nach Vitzen zu Lande fahren können. Und so hat man von Reglin bis Sitow, wozwischen itzo 2 Meilen weit Wasser lieget, über diesen Graben zu Lande fahren können. Daß vordem alles dieses hier, und anderwärts Land gewesen ist, beweisen noch Zaun-Pfäle in Menge, die um die Gärten gegangen sind. Zwischen Vipperow und den sogenannten Gieren, wo man sich über die Müritz setzen lässet, liegt “die sogenannte alte Borg” – Burg – unter Wasser, woselbst noch gebrannte Steine mancherlei Art anzutreffen sind. Von dieser Burg, die eine Insel vor Alters gewesen ist, geht ein fester Weg nach den Lande zu; doch bemerket man oben keine Steine, obgleich die Fischer keine Stakens hinein stoßen können. Um dieser alten Burg hat vor einigen Jahren ein Einwohner in Vipperow einen goldenen Krugdeckel mit 5 Steinen besetzt, gefunden, wie er Post- ein Kraut, womit man dünget – aus dem Wasser gezogen hat. Weil nun eben ein Jude in diesem Dorfe gewesen; so hat er diesen Deckel an demselben für 35 Rthlr. Gold verkauft; als so viel er an Gewichte gewogen hat. –

Den Anwachs unsrer mehrsten Gewässer muß man natürlich in den Jahren aufsuchen, wie in Mecklenburg die Land- und Leut-verderblichen Wasser-Mühlen angeleget worden; nicht vor A.C. 1100, sondern nach A.C. 1200 kann dieses erst geschehen seyn. Denn bis dahin kannten unsere Vorfahren, die zahlreicher, wie wir waren, keine solche Mühlen, die Land und Wiesen nur unter Wasser setzen, eigenmächtig sich vom fremden Korn bezahlt machen; die Theurung aus Interesse aus allen Kräften befördern helfen; und besonders die Armen drücken; sondern sie, wie alle alte und noch neue Einwohner Asiens, kannten und kennen allein Hand-Mühlen, die eben dieses bewirken können. Sie beschäftigen mehrere Hände; ein Haupt-Finanz-Grundsatz; und tragen mithin zu mehrerer Bevölkerung bei. Wo mehrere von leben können, muß nie Einer haben; und gar nicht, wenn er außer sich so viel Schaden thut, als Wasser-Müller, die, wie die Schäfers nicht genug Weide, nie genug Wasser erhalten.

Die an der Müritz und Plauer-See angelegten Wasser-Mühlen, besonders die an der Eldenburg, am Ausfluß der Müritz angelegten, staudeten die Wasser binnen kurzen hoch genug, und zuletzte so hoch, daß ganze Land-Güter unter Wasser gesetzet wurden.

Wenn im Jahr 1293 ein Herr von Werle, Nicolaus von Plau, und Röbel mit einer M8enge (kleinen) Fahrzeugen auf der Müritz bei Wahrn erschien, und diese Stadt zu Wasser und Lande belagerte, auch eroberte; so braucht man eben noch keinen großen Anwachs des Wassers anzunehmen. Der Fluß Elde hat aus der Müritz in den Coelpin, und so Plauer-See seinen freien Lauf gehabt, und vermittelst diesen Fluß, ist er sowol von Plau, als von Röbel in die Müritz d.i. in den See bei Wahrn, gesegelt. Bei Lentz am Plauer-See sowol, als am Ende des Coelpins bei Eldenburg hat damals noch keine Versandung statt gefunden; dieses hat das anwachsende Wasser, und die Wellen erst später gethan. Das einzigste, welches die freie Fahrt von Plau nach Wahrn gezögert haben könnte, wäre die Brücke zwischen dem Closter, und der Stadt Malchow gewesen; aber erst frägt es sich, ob die Fahrzeuge nicht unter die Brücke durchgehen können; und 2tens, ob dieselbe 1293 schon gebauet gewesen ist? Das wissen wir, daß sie im 30jährigen Kriege von den Schweden ist abgebrannt worden. Daß itzo ein Gefäll von 6 und mehrere Fuß aus der Müritz in den Coelpin ist, giebt auch keinen Einwurf her, daß die Fahrzeuge nicht nach Wahrn segeln können. Der Ausfluß der Müritz stand damals gewis 6-8 Fuß niedriger, wie itzo, und beynahe parallel mit dem Flusse in dem Coelpin; der nur nach und nach ohne Versandung seinem Gefäll folgte. Man spricht so viel von Müritz ablassen; und verbindet damit so viele Schwierigkeiten. Hat man keine anderen Absichten, so darf man nur das Wasser bei Eldenburg freien Lauf lassen, und so wieder durch die Frey-Schütten der Mühlen an der Elde, so läuft die Müritz von selbst 4 – 6 Fuß ab. Aber nun würden die Müller wieder über viel Unter-Wasser klagen, und sich dawieder auflehnen.

Die Staudung der Müritz, Coelpin und Plauer-See zu einer Höhe von 8 und mehr Fuß, ist also leichte zu erklären.

Die Lage der Müritz ist so, daß nur ein einziger Ausgang ist, wo damals dieser See angestaudet werden können; und dieses ist die Eldenburg. Mithin hätten die hineinmahlenden Mühlen, als die Crümmelsche, die zu Buchholtz, Röbel, Schamp, zur Aufstaudung nichts beitragen können; nicht eher, bis bei Eldenburg der Ausfluß gehemmet worden. Nun erst wuchsen die Gewässer, und die Sieben Seen wurden zu Einem vereiniget; und nachdem das Wasser 6 Fuß gestiegen war, konnte die Bolter-Mühle, nach Leppin gehörig, vor 200, und wie es 8 Fuß gestiegen war, die Boecker-Mühle vor 100 Jahr erst angeleget werden; wo nun die Crümmelsche Mühle eingehen muste, wovon ich gleich mehr reden werde. Ob nun gleich bis Mirow die Müritz 21 Fuß Gefäll hat; so siehet man doch, daß hier herunter dieselbe nicht zu ihrer alten Gränze zurücke gebracht werden kann; höchstens 4 Fuß; sondern das Wasser muß durch die Eldenburg, wo die Natur den Fluß hingewiesen hat. Seit der Zeit, daß die Müritz so hoch gestiegen ist, und die beiden eben genannten Bolter- & Boecker Wasser-Mühlen angeleget sind, ist der Zartwitzer-See, wodurch dieses Wasser geht, dergestalt aufgewachsen, daß der Kirchhof zu Zartwitz, wo itzo eine Meierei ist, und viel Acker, unter Wasser gesetzt worden; so wie auf der andern Seite fast der ganze alte Hof Leppin. Aus diesem See läuft das Wasser in den Mirower-See, und von hier über Canow, bis wohin 32 Fuß Gefäll sind, wo es sich bei Priepert mit der Havel vereiniget. Dieser Fluß, der aus dem Mirower-See geht, ist itzo ansehnlich genung um darauf mit großen Kähnen zu fahren; und doch gedenket unsere Geographie denselben mit keinem Worte.

Doch dieses sei bei Seite geleget: ich rede von der großen Aufstaudung der Müritz.

Bei dem Gute Crümmel liegt ein See, der itzt mit der Müritz, oder eigentlich mit der Nebel, einen vordem abgesonderten besonderen See, wodurch der Fluß Nebel-Elde – gegangen, vereiniget ist; vor Alters aber einen solchen kleinen Umfang gehabt, daß er mit den Nahmen “Pool”, kleinstehendes Wasser, beleget worden; auch nicht die geringste Gemeinschaft mit der Nebel gehabt hat; nicht eher, bis die Nebel durch Aufstaudung der Crümmelschen Wasser-Mühle, woran das Wohnhaus vor 100 Jahr noch gestanden hat, hoch gestiegen ist. Erst hat eine Spitze der Crümmelschen Halb-Insul, Eichholz benannt, und eine Spitze des lang zerstörten Dorfes Gurow ein Land ausgemacht, und nachhero hat man über dem Wasser springen können; und itzo ist die Breite viel über 120 Fuß, und die Tiefe 6 – 8 Fuß, worinnen man noch Stämme von Elsen erblicken kann.

Noch mehr, und was merkwürdiges: Zwischen dem obbenannten Eichholz, und dem Buchholzer Lande geht mitten durch die Nebel ein Feldsteinern Damm, Mühlen-Damm genannt, der 104 Ruthen lang, und gegen 18 Fuß breit ist, über welchen itzo gewöhnlich 3, in der Gegend aber, wo die Mühle gelegen hat, 3 ½ Fuß Wasser stehet, und über und über mit Rohr bewachsen ist.

Ueber diesen Damm hat vor Alters der Weg von Mirow und Crümmel nach der Stadt Röbel u.s.w. gegangen; und man kann den alten Weg im Crümmelschen Eichholze noch ganz deutlich bemerken. Es sind auch bei meiner Zeit mir bekannte Personen im Sommer noch über diesen Damm geritten.

An diesem Damm hat vor 150 Jahren noch eine Wasser-Mühle gelegen; hat aber eingehen müssen, wie die Wasser 6 – 8 Fuß gestiegen sind; als so tief solches an einer Seite des Damms außer dem Fluß ist. So wie das Wasser gestiegen ist, so ist dieser Damm immer mehr erhöhet worden, und mithin hat die Nebel endlich solche Höhe erlangen müssen, daß sie mit dem Crümmelschen Pool in Verbindung gekommen ist. Ob die sogenannte Kühl-Mühle ins preussische sehr alt ist, kann ich itzo nicht sagen. Aber itzo mahlet sie in den sogenannten Langhagen durch die Schwarz-Hans-Bach über den Iglem in die Nebel, vonwo der Fluß, unter den Nahmen Mühlenbach, bei Garz vorbei nach Vipperow u.s.w. läuft, wo er der Mesen- (Mewen-) Graben vor Alters genannt worden. Aller Glaubwürdigkeit nach, ist die Kühl-Mühle vor der Crümmelschen angeleget worden; und diese hat mit dem Fluß Elde gemahlen, den ihr jene zufliessend gemacht, und zwar aus den hochliegenden 2 Seen bei Dranse, woraus im Grunde die Elde seinen Ursprung nimmt, die bei Garz itzo gewis 12 Fuß tief ist. Wenn wir nun 8 Fuß Wasser aus der Müritz ablassen; so würde dieser Fluß doch diesseits den Iglim eine Tiefe von 4 Fuß behalten, wo er nicht durch Seen kommt. Bei Priborn, und Vipperow hin giebt es eine große Tiefe im See, und auf einer Stelle gegen den Giern sogar 54 Fuß; ein Beweis, daß der Fluß bei Garz in einen See gelaufen ist, und bei Vipperow wieder heraus, durch den sogenannten Mesen- (Mewen-) Graben.

Von dem Crümmelschen Damm in der Nebel will ich nur noch beifügen, daß die Schweden 1675 über denselben nach Wittstock gegangen sind, und die am Dassower Furth gelagerten Brandenburger überlistet haben, die mit wenigen hier eine ganze Armee aufhalten konnten; so sagt die Tradition.

Diese Aufstaudung des Wassers in der Müritz hat aber blos die Mühle an der Eldenburg verursachen können, woselbst damals der einzigste Ausfluß aus der Müritz war, und seyn können. Daß diese hier angelegte Mühle – die lezte ist eine Pulver-Mühle gewesen – ohne Ursachen den Anschein nach die Wasser so hoch gestaudet hat, muß blos daher gekommen seyn, daß sie in den Coelpin zu viel Vorwasser gehabt, welche durch die Plauer-Mühle verursachet worden. Oder: es hat eine Zeit gegeben, daß bei Eldenburg mit Fleis das Wasser aufgehalten worden, wie es noch geschiehet; besonders zur Zeit des 30jährigen Krieges, und kurz nachher, zu welcher Zeit das Wasser am mehrsten zugenommen zu haben scheinet; weil sonsten die Tradition nicht viel mehr von dem Lande sagen könnte, das izt unter Wasser gesezt ist.

Wer sich von der großen Wasser-Aufstaudung überzeugen will, der gehe zur Plauer-Mühle, die mit ihren Töchtern an der Elde die Aufstaudung – des Plauer- und Coelpiner- See, (welchen lezten Frank auch Plauer-See nennet) und entfernet die der Müritz eigentlich bewürket hat. Bei dieser Plauer-Mühle erblickt man noch einer der ersten Grundbalken im Wasser der Elde, der 15 – 17 Fuß tief lieget; und wovon man sogar behauptet, daß solche Erhöhung seit 160 Jahren geschehen sei. Daß in den Tagen des 30jährigen Krieges und nachhero, wie man noch wenige Einwohner im Lande hatte, diese Aufstaudung am mehrsten geschehen, ist immer glaublich, und beweisen auch alle Nachrichten, die man hievon hat. Zu Wallensteins Zeiten war die Elde noch schiffbar, und das Wasser hatte seinen freien Lauf mehr, wie nachher, wie die Schiffarth einging, und die vielen Schleusen, deren man 21 an der Elde angiebt, verdarben, und verdorben wurden. Nun entstanden nach und nach Sandbänke; die Elde staudete höher, und nöthigte die Müller wegen vielen Vorwasser die Mühlen höher zu legen.

Waren erst einige Sandbänke, so entstanden bald mehrere, besonders, wie die Holz-Flösserei nach Hamburg den Anfang nahm. Wenigstens will man behaupten, daß in der Elde für viele Tausend Rthlr. Holz verschlemmet seyn sollen; die einmahl diejenigen erhalten, die den Fluß zum großen Vortheil Mecklenburgs schiffbar machen werden, wenn Privat-Interesse dieses nicht verhindert. Sind aber vordem Mühlen an den Fluß gelegen, wie derselbe schiffbar war, und die Plauer-Mühle hat 15 – 17 Fuß niedriger gelegen, so könnten sie nun auch seyn; und es konnte nicht an Wasser fehlen, weil von Plau ab bis Dömitz 204 Fuß Gefäll seyn sollen.

Dem sei nun, wie ihm wolle: aus dem, was ich gesagt habe, geht deutlich hervor, daß die Müritz sowol, als Coelpiner- und Plauer-See vordem bei weiten von dem Umfange nicht gewesen sind, wie heutiges Tages, sondern erst seit 2 – 300 Jahren so hoch angewachsen sind, und zwar ganz allein durch Anlegung der Wasser-Mühlen; und besonders der Unart der Müller in den Tagen der Verwirrung. Ist dieses außer Zweifel; so ist es schwer zu glauben, daß Rethra und der Tempel des Radegasts, die an einer erstaunend tiefen See gelegen hat, bei und in der Müritz aufzusuchen ist; sondern wir müssen allemahl dahingehen, wo vor 5 – 800 Jahren ein solcher recht fürchterlicher See gewesen ist. Sind die Tollenser- und Cummeroer-See, oder gar der bei Teterow und Malchin nie aufgestaudet, oder doch wenig, so sind diese vor Zeiten größer gewesen, wie die Ur-Müritz bei Wahrn.

Doch um alle Zweifel über die Lage Rethra’s an der Müritz aufzuheben, wollen wir auch von Insuln in diesem Wasser reden. Wie die itzige Müritz noch aus Sieben Seen oder Gewässer bestand, hat zwischendurch freilich viel Land gelegen, woraus nach und nach, wie die Wasser gestiegen sind, Insuln entstanden. Aber die Tradition, die so alt nicht ist, weis nichts von einer Stadt und Tempel Rethra.

Wie bereits erwehnet: nicht ferne von Vipperow nach den Gieren zu, liegt die alte Burg, und soviel man gesehen, auf einer Insul, weil es rund herum tiefer ist; und scheinet mit dem festen Lande verbunden zu seyn. Allein, da dieser See hier nicht groß gewesen seyn kann, ob gleich nicht weit davon die große Tiefe von 54 Fuß ist, und man auch kein Holz bemerket, welches auf der heiligen Insul gestanden haben soll, noch eine Spur von einer Stadt, so kann ich solche nicht für die Insul hinter Rethra halten. Diese Burg ist ein Raubschloß gewesen, und wahrscheinlich in den Verwüstungen A.C. 1014, oder 1160 – 1162 verdorben worden; als die Zeit, wo so viele Dörfer ruinirt worden, und so vieler Acker mit Holz bewachsen ist, wie Stücken und Fahren noch anzeigen. –

Bei Wahrn liegt eine Halb-Insul, durch eine Brücke mit dem festen Lande vereiniget, welche, nebst dem darauf stehenden Holz, der ebenbenannten Stadt zuständig ist. Von Tempel des Radegasts weis man hier nichts, und ist auch der Lage nach nicht gut möglich, es wäre denn, das Wahrn Rethra wäre, und letzteres ein Beinahme, und so viel als Rohr-Stadt; denn Reth und Rohr hat eine Bedeutung. Aber von einer Residenz oder Burg der alten Regenten in Wahrn weis man hier noch; sie hat an einer Ecke des Holzes der Insul gelegen, und ist itzo ganz unter dem Wasser gesetzet.

An der entgegengesetzten Seite der itzigen Müritz, vor Alters, und itzt die Nebel benannt, liegt eine Halb-Insul, itzt wegen den vielen daselbst stehenden Eichen, Eichholz benahmet: allein von einer Stadt und Tempel hat man hier nicht die geringste Nachricht; wol aber, daß diese Halb-Insul allenthalben, außer an der Seite der Nebel, mit ander Land, welches nun unter Wasser stehet, zusammen gehenget hat.

Endlich findet sich noch eine Halb-Insul bei Boecke und Speck; die es vordem in der Art auch nicht gewesen ist; sondern auf einer Seite mehr mit dem festen Lande verbunden gewesen seyn muß.

Nach den ältesten Urkunden hat diese itzige Halb-Insul, weil hier ein dickes Holz gestanden, der düstre Wald geheißen, welches Holz das Wasser endlich ganz verschlungen hat. Indes findet sich noch eine Menge Holz unter Wasser; und die Röbelschen Einwohner haben viele Jahre hier Holz aus dem Wasser sich geholet, und noch.

Dieser Wald, wie er itzo genannt wird, ist noch von großen Umfange, und erstrecket sich von Boeck bis weit nach Wahrn hinzu; bestehet itzo aber mehrentheils aus Busch und Wiesen. Ueber 500 Schritte in die Müritz hinein, ist nach und nach nur eine Tiefe von 1 bis 4 Fuß, welche große Fläche vordem mit dicken großen Holze bewachsen gewesen ist; ein Beweis, daß die Müritz auch in dieser Gegend 8 – 10 Fuß niedriger gewesen seyn muß. Sonsten giebt es hier ebenfalls nicht die geringste Spur von einer Stadt oder heiligen Tempel, auch nicht in einen Nahmen dieser Gegend; und kann auch wol nicht seyn, da dieser Wald vordem an einer Seite mit dem festen Lande zusammen verbunden gewesen ist.

Auch hieraus ist ersichtlich, daß es in der Müritz keine Insul gegeben haben kann, worauf der Tempel des Radegasts gestanden habe, wenigstens sind alle Beschreibungen hievon nicht anpassend, und die Tradition giebt hievon keine Spur.

Nach der Geschichte heißt es nemlich: vermittelst einem Damm, oder einer Brücke, ist man zu den heiligen Tempel gegangen, der auf einer Insul gelegen, die dichte mit Holz bewachsen war, wovor die Stadt Rethra gelegen hat; oder: die Stadt Riedegast lag im Lande der Redarier mitten in einem dichten geweiheten Walde, einem schauerlichen See gegenüber. – Nach Adam Bremensis hieß die Stadt Rethra, lag mitten in einen tiefen See, und 4 Tagereisen von Hamburg, prpr. 16 Meilen; und war von solchen Umfange, daß sie 9 Thöre hatte.

Dittmar von Merseburg nennet sie Riedegast, und sie habe nur 3 Thore. Durch zwei ginge man in die Stadt, und durch einen in den Tempel, welcher in einen sehr tiefen See gelegen; und rund herum sei ein heiliger Wald gewesen, worinnen kein Holz gefället werden dürfen.

Wie lässet sich dieses zusammen reimen: Rethra kann doch nicht Riedegast seyn? Allerdings! der letzte Nahme ist sichtbar ein Beinahme, welchen die Stadt von dem Abgott erhalten hat; und wer weis, ob Rethra nicht sogar ein Beinahme ist, und der Stadt von den vielen Rohr zugeleget worden; oder: weil sie der Versammlungs-Ort der Stände gewesen? Die Geschichtschreiber, die von dieser Stadt, Tempel, und der Rhedarier Lande reden, sind nur zwei, und Ausländer. Adam brem., Dittmar merseb., denen es an Hülfsmitteln fehlte, sichere Nachrichten einzuziehen, und musten sich mit Hörensagen von herumreisenden Mönchen, oder bekehrte Wenden behelfen.

Der Unterscheid der doppelten Beschreibung der Stadt lässet sich sehr gut vereinbaren: der eine redet von der unzerstörten Stadt; und der andere von der zerstörten Stadt durch Otto M. 955, die nicht mehr so gros, und prächtig aufgebauet worden.

(Der Beschluß künftig.)

Anonymus (t): Ein Beytrag zur ältern Geschichte Mecklenburgs, und besonders über die Lage der Stadt Rethra, und des Tempel des Radegasts., in: Monatsschrift von und für Mecklenburg, Dritter Jahrgang, Zweites Stück, Februar 1790, IV., Wilhelm Bärensprung, Schwerin 1790 S. 99-114

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