Gustav Oesten: Über den Ausflug der Anthropologischen Gesellschaft am 22. u. 23. Juni nach dem Rethra-Forschungsgebiet


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(14) Hr. Oesten berichtet
über den Ausflug der Anthropologischen Gesellschaft am 22. u. 23. Juni nach dem Rethra-Forschungsgebiet.

Der Ausflug ist vollkommen programmässig verlaufen. Es fand am 22. Juni, abends 7 Uhr, in Neustrelitz eine Sitzung der Rethra-Kommission unter Vorsitz des Hrn. Lissauer statt, der mit Rücksicht auf den Wunsch, das Interesse für den Gegenstand der Forschung in weiteren Kreisen der genannten Stadt, namentlich auch an massgebenden Stellen daselbst, zu wecken und zu vermehren, ein öffentlicher Charakter gegeben wurde. Hr. Oesten berichtete an der Hand der Ortsbeschreibung des Chronisten Thietmar von Merseburg und einiger Situationspläne über die bisherigen Ergebnisse der Forschungsarbeiten und Aufdeckungen in den Seengebieten der Lieps und Tollense und bezeichnete diejenigen örtlichen Punkte, welche demnächst eingehenderer Untersuchung und Aufschliessung zu unterziehen sein würden, um die Übereinstimmung der vorliegenden Örtlichkeit mit den Angaben des Chronisten weiter darzutun. Im Anschluss daran erläuterte Hr. E. Brückner einige Zeichnungen der aufgefundenen Reste von Holzbauten aus der wendischen Zeit. Hr. Wossidlo trug eine Reihe von Sagen aus der Landschaft der Rethra-Forschung vor, von welchen mehrere als solche erkannt wurden, deren Inhalt für die weiteren örtlichen Nachforschungen von Interesse sein könnte. Er wurde vom Vorsitzenden ersucht, diese Überlieferungen des Volkes zusammenzustellen und seine Aufzeichnungen der Rethra-Kommission einzusenden, was der Genannte auch zusagte.

Am folgenden Morgen fand eine Wagenfahrt der Gesellschaft nach dem Ufer der Lieps statt. Am Schlusse derselben wurde der „Blankenburgs Diek“ besichtigt, ein Bruch, wo nach der Überlieferung des Volkes der Tempelschatz von Rethra versenkt liegen soll. Bisher war die Genehmigung zur Trockenlegung und Ausschachtung dieses Bruches versagt.1 Am Ufer der Lieps stieg man in bereit stehende Kähne, erreichte zunächst den Hanfwerder, besichtigte die dort freigelegten Reste der einstigen burgwallähnlichen Besiedlung und fuhr alsdann weiter nach dem Bacherswall, wo infolge des gegenwärtig ungewöhnlich hohen Wasserstandes von der einstmaligen ausgedehnten und befestigten Besiedlungsstätte nur geringe Teile gezeigt werden konnten. Hier wurde unter freiem Himmel das Frühstück eingenommen. Der Weg zu Wasser führte darauf weiter nach der Stelle des „Nonnenhofs“, wo nach den noch vorhandenen Resten einer Pfahlstellung und eines Weges durch das Moor das zweite Tor der urbs quaedam Riedegost angenommen wird. Von hier setzte die Gesellschaft ihren Weg zu Fuss durch das Wiesenterrain bis zu den Resten der alten Brücke von Wustrow nach der Fischerinsel und des vermuteten dritten Tores fort und erreichte, wieder zu Kahn, die Fischerinsel. Hier konnte durch Auspumpen einiger Gruben die unter Wasser liegende Fussboden-Befestigung aus eichenen Hölzern sowie Pfähle der nach der Insel führenden Brücke, auch die Vorrichtung zu den Bohrungen unter Wasser in Augenschein genommen werden. Ein Motorboot mit Anhänger beförderte alsdann in flotter Fahrt die Reisenden den schönen Tollense-See entlang nach Neubrandenburg, wo das Mittagsmahl die Teilnehmer der Fahrt und Vertreter der Stadt Neubrandenburg in angeregter Stimmung vereinigte und die Zeit bis zur Rückfahrt nach Berlin schnell verlief.

Die Beteiligung sowohl an der Sitzung in Neustrelitz wie an dem Ausflug zu Wagen und auf den Seen sowie auch an dem Mittagessen in Neubrandenburg war eine zahlreiche. Es war zu erkennen, dass der leitende Wunsch, durch das Unternehmen Interesse an den Rethra-Forschungsarbeiten in weitere Kreise zu tragen und zu fördern, Erfüllung gefunden hatte.

Oesten, Gustav: Über den Ausflug der Anthropologischen Gesellschaft am 22. u. 23. Juni nach dem Rethra-Forschungsgebiet, in: Zeitschrift für Ethnologie, Jahrgang 39, Heft 4/5, Sitzung vom 20. Juli 1907 S. 746-747

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1 Inzwischen und nachdem Ihre Königl. Hoheiten der Grossherzog und die Grossherzogin von Hrn. Oesten über die Rethra-Forschungen sich haben Vortrag halten lassen, auch Höchstselbst die Arbeiten besichtigt haben, ist die erwünschte Genehmigung erteilt worden.

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