Carl Schuchhardt: Rethra 1922


Carl Schuchhardt: Rethra 1922 (PDF)

Abb. 39. Plan der Burg Rethra b. Feldberg i.M. 1 : 2500.

Abb. 39. Plan der Burg Rethra b. Feldberg i.M. 1 : 2500.

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Für Rethra hatten wir zwei Überlieferungen. Thietmar von Merseburg hatte es um 1010 beschrieben und Adam von Bremen um 1070. Thietmar war ein Graf von Galen aus der Allergegend, mit Kaiser Heinrich II. verwandt und von ihm mit dem neuen, gegen die Slawen gerichteten Bistum betraut. Er hatte an der Seite des Kaisers auch 1007 den Feldzug gegen Boleslaw von Böhmen mitgemacht und dabei die auf kaiserlicher Seite mitkämpfenden Lutitzen kennen gelernt, in deren Gebiet der Rethra-Tempel lag. Das empfahl von vornherein seine Beschreibung des Heiligtums. Sie klang auch weit glaubhafter als die phantastische des Adam von Bremen. Adam spricht (II 21) von einer Burg, rings von Wasser umgeben und mit neun Toren versehen, die also novies Styx interfusa cohercet (Vergil Aeneis VI 439). Thietmar dagegen sagt (Chronicon VI 23): “Im Redariergau liegt eine Burg mit Namen Riedegost, dreihörnig (tricornis) und mit drei Toren, ganz von einem großen Walde, den die Bewohner unversehrt und heilig halten, umgeben. Zwei ihrer Tore stehen allen, die hinein wollen, offen, das dritte, das nach Osten schaut und ganz klein ist, weist den Pfad zum Meere, dicht daneben und schreckhaft zu sehen. In dieser Burg steht nichts als das Heiligtum, aus Holz kunstreich gebaut und statt der Fundamente von den Hörnern verschiedener Tiere getragen”.
Im Weiteren ist dann von den Schutzbildern die Rede, die außen den Tempel schmücken, von den Götterstatuen, die im Innern stehen, deren vornehmster Suarasici heißt, und von dem großen heiligen Pferde, das, über Speere schreitend, die Orakel schafft. Heiligtümer, heißt es weiter, gibt es im Slawenlande so viele wie Gaue, aber Rethra hat die unbedingte Vorherrschaft. Hier werden die Feldzeichen (vexilla) der sämtlichen Wendenvölker aufbewahrt, hier kehren sie ein, bevor sie in den Krieg ziehen, und hier opfern sie einen guten Teil der Beute, wenn sie zurückkehren.
Wie viel reicher war Thietmar unterrichtet und wie hatte alles bei ihm Hand und Fuß! Als ich 1921 beim Mecklenburgischen Städtchen Feldberg zum “Schloßberg” emporstieg, der sich mir schon auf der Karte empfohlen hatte durch den Breiten Lucin See, den er im Osten vor sich und den Urwald auf der Moräne entlang, den er hinter sich hatte, und dann oben die Wahrscheinlichkeit von drei Toren erkannte, einer für die allemal eintorigen slawischen Burgen ganz auffallenden Erscheinung, da wurde mir klar, was Thietmar mit der urbs tricornis meinte. Wenn er diese Bezeichnung in einem Atemzuge mit den drei Toren zusammen gebraucht, hat er die drei Tortürme vor Augen gehabt und nicht ein dreizipfliges Gelände. Die Tortürme baut man immer viel höher als die Mauertürme, weil man die Tore durch Etagen von Verteidigern schützen will. So bestimmen sie, von weitem gesehen, das Bild der Burg. Nicht ohne Bosheit aber verwendet Thietmar hier den Ausdruck tricornis. Das Wort kommt nur ein paarmal in der römischen Literatur vor (bei Plinius und Solinus) für Ochsen, denen zufällig drei Hörner gewachsen sind. Der große Bischof war ein geistreicher Mann. Ich habe mit Vergnügen damals sein ganzes “Chronicon”, das man heute “Memoiren” nennen würde, gelesen und eine Reihe von Beispielen gefunden für seine Neigung zu witzigem Wortspiel. So hat er auch hier dem slawischen Heidentum einen Stich versetzt, indem er seinen Haupttempel verglich mit einem von der Natur besonders begnadeten Ochsen!
Durch die wohlgelungene Ausgrabung von Arkona waren wir nun aufs beste gerüstet für die von Rethra.
Koldewey freilich fühlte sich durchs seine schleichende Lähmungskrankheit so geschwächt, daß er glaubte, auf ein Mittun verzichten zu müssen. Der Arzt hatte ihm eine sechswöchige Kur in Oeynhausen geraten, aber er glaubte, sie werde nichts nützen, und wollte nicht hingehen. Da sammelte ich rasch in Freundeskreisen die bei dem damaligen Stande der Inflation horrenden Kurkosten und versprach ihm, mein Vorhaben bis zu seiner Rückkehr zu verschieben. So willigte er ein und hat dann die Grabung auch mitgemacht, an der doch sein Herz hing.
Die schon vor Jahren bewilligten Mittel reichten, trotz staatlicher Zulagen, jetzt nur für 14 Tage. So mußten wir uns bestreben, vom 1.-15. Oktober 1922 die Aufgabe zu erledigen. In einer Pension an der Strandstraße in Feldberg haben wir gute Wohnung und Verpflegung erhalten und sind von da jeden Morgen in einer halben Stunde zum Schloßberg hinübergerudert: Koldewey, mein Sohn, Walter Karbe von Neustrelitz und ich.
Die Waldarbeiter, die uns die Forstverwaltung in Aussicht gestellt hatte, konnten wir in dieser Herbstzeit ihres Hochbetriebes leider nicht erhalten. Aber der freundliche Apotheker Funke in Feldberg verschaffte uns 10 Primaner und Studenten, die Ferien hatten, mit seinem Sohn an der Spitze, und die haben vortrefflich gearbeitet.
Auf der Burg war die schwierigste Frage: wo hat der Tempel gestanden und wie hat man die große Mulde behandelt, die wie ein griechisches Theater in die Mitte der Westseite einschneidet? Ich nahm den Tempel auf der Burgfläche an und in der Mulde den zweiten Torweg. Koldewey dagegen hielt es für möglich, daß der Tempel die Mulde überbrückt habe mit der Front auf der Burgmauer, so daß er über der unten herumziehenden Vorburg als prachtvolles hohes Mittelstück, von allen Seiten sichtbar, gethront hätte. Nach vielen Versuchsschnitten auf der Burgfläche und schließlich einem tiefen Querschnitt durch die Mulde ergab sich die Lösung. Auf der ganzen Burgfläche trafen wir unter 1-1½ Fuß tiefem Humus schon den alten Schotterboden. Fast überall war er urtümlich wellig, nur in der Mitte, gerade oberhalb jener noch zu bestimmenden Mulde, war er sichtlich eingeebnet, und auch einige zur Abgleichung gelegte Steine fanden sich hier. Das schien uns nun doch der Tempelplatz zu sein. Koldewey erklärte auch, daß man ein besonderes Fundament für ihn nicht zu erwarten brauche, man könne einen Holzbau ohne weiteres auf diesen tragfähigen Schotter stellen. Der Arkonatempel hatte ja auch kein Fundament gehabt, die Steinpackungen dort waren nur auf der Seite des sich absenkenden Bodens angebracht, Abb. 40.
Der Querschnitt durch die Mulde aber ergab nun tatsächlich einen Torweg. Wir hatten an der Nordspitze der Burg schon das erste Tor freigelegt. Seine Wände hatten auf Findlingspackungen gestanden und ergaben einen Durchgang von 4 m Breite und ebensolcher Länge. Die gleichen Packungen fanden sich nun in der Mulde und in derselben Entfernung von 4 m voneinander. Die Ausmündung dieses Torweges unten auf die Berme vor dem Graben ließ sich dort ebenfalls erkennen, und zwar in 4 m Breite. Der Torbau hatte bis hierher hinuntergereicht mit einem Abstieg von 5,08 m. Der Torweg von der Burgfläche bis auf die Berme herunter ließ sich auf 20 m Länge bestimmen. Er wird nicht eine glatte Rampe gewesen sein; Koldewey konstruierte eine Treppe, die, durch zwei Podeste unterbrochen, in drei Abschnitten zu je 10 Stufen (von 12½ cm Höhe) verlaufen sei. Die Anlage ist von einer Großartigkeit, die man einer slawischen Burg wohl nicht zugetraut hätte; sie erinnert an die Athenischen Propyläen, die auch vom Fuße des Burghügels aufsteigen und bis weit in die Burg hineingreifen. “Die Akropolis des Nordens”, sagte einer unserer Besucher, als er das imposante Bild von der Vorburg aus erblickte.

Abb. 40. Rethra von Westen gesehen. Rekonstruktion von R. Koldewey.

Abb. 40. Rethra von Westen gesehen. Rekonstruktion von R. Koldewey.

Nun war das dritte Tor noch auszugraben, das Seetor. Robert Beltz, der Herrscher im Mecklenburgischen Altertumsreich, war aus Schwerin auf zwei Tage zu Besuch gekommen. Er hatte bei seinem Erscheinen offen erklärt: “Ich komme als Gegner Ihrer Hypothese, aber ich möchte doch sehen, was die Grabung herausbringt”. An dem Morgen, wo es ans Seetor ging, bat ich ihn, dort einstweilen die Aufsicht zu übernehmen, und begab mich zu einer andern Arbeitergruppe in die Unterburg. Als ich nach einer Stunde wieder erschien, kam Beltz mir entgegen und sagte mit erhobenem Finger: “Tertia porta quae minima est, – ich gratuliere!” Das Tor lag mit seinen zwei Steinlinien frei und hatte nur eine Weite von 1,45 m!
Nun war Rethra wohl sicher: das große Wasser im Osten, der Urwald im Rücken, die Tempelstelle deutlich, drei Tore, von denen das kleinste zum See führte, – was wollte man mehr?! Beltz erzählte denn auch, als er wieder nach Hause kam, wie Rethra nun tatsächlich bei Feldberg gefunden sei. Da griff er aber in ein Wespennest: von allen Seiten wurde er mit Vorwürfen überschüttet, daß er ruhig zugesehen habe, wie das berühmte Heiligtum, das bisher immer Mecklenburg-Schwerinisch gewesen sei, nun Mecklenbur-Strelitzisch werden solle. Man hatte sich damals in der Tat allgemein auf die Fischerinsel im Südzipfel der Tollense geeinigt, sodaß die Schweriner und Neubrandenburger sich in ihrem Besitz sehr sicher fühlen konnten. Beltz hat dieser Stimmung dann auch Rechnung getragen, indem er ein paar Jahre darauf in seinem Artikel für Eberts Reallexikon erklärte, ganz sicher sei die Ansetzung Rethras bei Feldberg nicht, da man ja den Tempel selbst eigentlich nicht gefunden habe. Aber die wissenschaftliche Welt hat von diesem Zweifelsversuch keine Notiz mehr genommen, mein Akademiebericht über die Grabung war sehr rasch vergriffen und ist bald darauf mit den Aufsätzen über Arkona und Vineta zusammen als Buch erschienen1.
Im Jahre 1519 hatte der Rostocker Professor Albert Krantz die Suche nach Rethra begonnen, nach just 400 Jahren war sie nun zum Ziele gebracht.

in: Schuchhardt, Carl: Aus Leben und Arbeit, Walter de Gruyter & Co, Berlin 1944 S. 372-377

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1Arkona, Rethra, Vineta. Ortsuntersuchungen und Ausgrabungen. 1926. W. de Gruyter u. Co.

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